Trockenheit ohne Ende?

Trockenheit ohne Ende?

Natur und Landwirtschaft stehen vor Problemen

Kaum Regen, lange Sonnentage, Temperaturrekorde, Trockenheit, Futternot für Wildtiere – ein Jahrhundertsommer. So lässt sich das Jahr 2018 schnell zusammenfassen. Doch es ist noch nicht zu Ende und nach wie vor bestehen wetterbedingt Probleme. Nicht nur der Sommer war ungewöhnlich warm und trocken, der Herbst und Winteranfang sind es ebenso. Durch Temperaturrekorde mit 16 Grad im November geraten Zyklen aus dem Gleichgewicht. Gerade auf den Feldern und in der Natur bringt dies Schwierigkeiten mit sich.

Ein Jahr voller Rekorde. Noch immer ist keine Normalität in Sicht. Wer Erdbeeren hört, der ist mit seinen Gedanken schnell im Spätsommer. Lecker und süß, tiefrot sollen sie sein. Sie gehören genauso zum Sommer wie die Sonnencreme, der Besuch im Freibad, ein Picknick auf den sommerlichen Wiesen und der perfekte Grillabend. Doch Erdbeeren und grell-gelbblühende Felder im November, kann das sein? Ja, denn erstere wurden kürzlich von einigen Bauern in Südhessen und sogar im niedersächsischen Peine geerntet, während die blühenden Felder auch im Mühlenkreis zu beobachten sind.

Untypische Beobachtungen
„Ich habe in meinem Garten ebenfalls kürzlich gesehen, dass die Erdbeere wieder blüht. Eine Hummel habe ich in den letzten Tagen ebenfalls gesehen – genauso wie einen Feuersalamander“, schüttelt Dirk Esplör von der Biologischen Station Minden-Lübbecke den Kopf. Auch habe man seitens der Bio-Station blühende Sumpf-Schafgarbe und Margeriten beobachten können. „Äußerst ungewöhnlich, denn beide Pflanzen blühen gewöhnlich im Mai oder Juni, die Tiere sind sonst gar nicht mehr zu beobachten.“ Ein Frost und es sei damit vorbei, so Fachmann Esplör. Ohnehin könne man längere Sommer und kürzere Winter bemerken. Zwar seien die Zyklen noch ausreichend für die regenerativen Phasen in der Natur, doch die Temperaturen brächten unter Umständen ein großes Problem mit sich. „Schwierig wird es dann, wenn es im Jahr zu früh warm ist und dann wieder Frost kommt“, sagt Esplör. In diesem Kontext könnten zusätzlich die ohnehin schon von Pestiziden oder Milben gebeutelten Insektenpopulationen bedroht sein, die eine wichtige Funktion für die Blütenbestäubung einnehmen. Mit Folgen für die Landwirtschaft.

Ich erinnere mich durchaus an warme November. Wir hatten dann aber schon kalte Oktobertage zuvor. (Rainer Meyer, Westfälisch-Lippischer Landwirtschaftsverband)

Ich erinnere mich durchaus an warme November. Wir hatten dann aber schon kalte Oktobertage zuvor. (Rainer Meyer, Westfälisch-Lippischer Landwirtschaftsverband)

Senf und Erdbeeren
Er habe bis dato wenig außergewöhnliche Umstände auf den Feldern beobachten können, berichtet Rainer Meyer, Vorsitzender des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV). Die gelben Felder seien nicht wie oft angenommen Rapsfelder, sondern es handele sich hierbei in der Regel um Senfarten, die als Zwischenfrucht angebaut würden, erklärt er. „Diese bauen wir Landwirte zur Konservierung der Nährstoffe, zur Verbesserung der Bodenstruktur und für den Unterschlupf für viele Wildtiere an. Ich habe übrigens hierzulande noch keine November-Erdbeeren gesehen oder von Kollegen gehört, die diese im Mühlenkreis aktuell noch abbauen“, sagt der WLV-Vorsitzende. Diese könnten zwar sicher auch hier noch in Folientunneln oder in Gewächshäusern wachsen, hätten aber zweifelsfrei jahreszeitlich bedingt durch die kürzeren Tage mit weniger Sonnenstunden kaum noch Aroma. In erster Linie dürften die hohen Temperaturen in diesem Jahr dafür gesorgt haben, dass die Ernte in gewissen Gebieten noch laufe, die derzeit milden Temperaturen täten ein Übriges, so die Einschätzung. Er erinnere sich durchaus an warme November, allerdings seien diesen bereits kalte Oktobertage zuvor gegangen. Die Landwirtschaft benötige mehr denn je dringend Regen, Bodenfeuchtigkeit und Kälte, um das Wachstum auf den Feldern für die Regeneration des Bodens einzudämmen und die Wasservorräte im bewachsenen Bodenhorizont wieder aufzufüllen. Zwar reiche das Tauwasser aktuell auf den Feldern zur natürlichen Bewässerung noch aus, sagt Rainer Meyer, doch im Frühjahr seien die Pflanzen auf Nachlieferung aus dem Boden angewiesen. „Feuchtigkeit ist unser größter Wunsch und das größte Problem zugleich“, so Meyer.

Kaum Niederschlag
Doch genau dieser Umstand ist in diesem Jahr die Hauptschwierigkeit. Diese Entwicklung bestätigt auch Jürgen Zapke, der in Minden-Dankersen eine Wetterstation betreibt: „Die Regenmenge seit 2000 schwankt jährlich zwischen 704 und enormen 1011 mm (2014). Eine Ausnahme war das Jahr 2011 mit nur 628,70 mm. Dieses Jahr ist mit aktuell nur 394,10 mm der Tiefpunkt.“ In Minden habe es durchschnittlich seit 2000 zwischen 170 bis 203 Regentage gegeben. „Zum Vergleich sind es zurzeit 111 Tage und im November werden kaum noch welche dazu kommen. So wie es aussieht wird sich der Hochdruckeinfluss aus Osteuropa wieder verstärken, sodass es trocken bleibt, aber deutlich kälter wird. Ein sich immer wieder regenerierender Hochdruckeinfluss könnte der Trend für den Dezember sein und einen ziemlich kalten Monat bedeuten“, erklärt Jürgen Zapke. Auch der aktuelle Jahresdurchschnittswert von 12,2 Grad Celsius müsse als ungewöhnlich hoch erachtet werden. Für das kommende Jahr kann Zapke nur schwerlich eine Prognose geben. Eine Entwicklung für das kommende Jahr sei nicht absehbar. Zu viele Faktoren würden ineinander spielen. Zwar glaube er nicht, dass das kommende Jahr wieder ähnlich trocken werden würde wie 2018, aber eines könne mit Gewissheit gesagt werden: „Der Klimawandel ist in vollem Gange.“

Dieser zeigt sich nicht nur in heißeren Sommern beziehungsweise kälteren Wintern. Er zeigt sich in der Zunahme von globalen Extremwettereignissen und der Verschiebung von im Jahresablauf periodisch wiederkehrenden Entwicklungserscheinungen der Natur sowie fundamentalen Veränderungen in der Pflanzen- und Tierwelt. Nachrichten rund um die Erdbeerernte aus Hessen und Niedersachsen sollten nicht nur einfach zu Kopfschütteln und Unverständnis führen, sondern vielmehr Sorgenfalten nach sich ziehen. Ganz abgesehen davon werden viele ohnehin innerhalb des Jahres an Futternot leidende Wildtiere Probleme mit ihrem verspäteten Winterschlaf bekommen. Einmal mehr zeigen die nackten Fakten wie dramatisch die Natur innerhalb der letzten Jahre mehr und mehr ihren jährlichen Gleichgewichtsturnus verloren hat. Und diesen vermutlich auch immer mehr verlieren wird. (ns)