Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel

Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel

Mit der MS Heitmann 1 auf dem Weg nach Westen

Es ist ein kalter und grauer Oktobermorgen, nur sechs Grad warm, als ich mich zu einem Termin am von der Firma Heitmann UG & Co. KG betriebenen Mindener Westhafen einfinde. Der Wind weht, eine frische Herbstbrise zeigt sich in den Wipfeln der Bäume, das Wasser ist relativ ruhig. Ich muss mich beeilen, denn die MS Heitmann 1, ein imposantes 80 Meter langes und 8,20 Meter breites Binnen-Frachtschiff, und sein Schiffsführer warten bereits ungeduldig auf mich.

Schon aus der Ferne ist der massive sechszylindrige 500 PS-Dieselmotor des 1967 in Dienst gestellten Schiffes zu hören. Schiffsführer Klaus Kleinhaus steht bereits mit rudernden Armen an Deck. „Dass Sie mich auch erkennen“, ruft er freundlich. Etwa 185 cm groß, dazu grau melierte Haare, Brille, ein leichter Bauchansatz, breite Schultern, kräftige Hände und ein sympathisches Gesicht. Sein Erscheinungsbild singt wortlos ein Lied von körperlicher Arbeit. Ohne Bart und ohne Kapitänsmütze steht er auf seiner Brücke – nicht ganz das Bild von Käpt’n Iglo, aber ein Seebär – durch und durch. Klaus Kleinhaus ist ein netter Zeitgenosse. Er redet schnell, aber verständlich. „Der dreistündige Ladevorgang ist gleich zu Ende“, sagt er erklärend, als der Sand von einem Fließband auf einen von vielen großen Haufen auf dem Schiff prasselt. 1050 Tonnen Sand wollen nach Münster verschifft werden. Das entspricht 42 LKW-Ladungen mit je 25 Tonnen Sand.

Klaus Kleinhaus ist seit Jahrzehnten auf Schiffen zuhause. Seit diesem Jahr auf der MS Heitmann 1.

Klaus Kleinhaus ist seit Jahrzehnten auf Schiffen zuhause. Seit diesem Jahr auf der MS Heitmann 1.

340 Liter Diesel auf 100 Kilometer
„Wir haben noch einen Moment, kommen Sie, ich zeige Ihnen das Schiff.“ Über stählerne steile Treppen und nasses Metall kommen wir in den Maschinenraum. Laut vor sich hin donnernd ist ein riesiger grau-orangefarbener Motorenblock zu sehen. Dicke Lettern zeigen den Namen ‚Deutz’ neben einigen Armaturen. „Das Herzstück des Schiffes, pure Kraft und Nostalgie“, brüllt Kleinhaus, um dem Lärm des Schiffes standzuhalten: „Der hält nochmal fünfzig Jahre. Mindestens.“ Später wird er berichten, dass ähnliche Motoren auch in deutschen U-Booten verbaut wurden, allerdings gleich zwei davon und mit 380 PS je Motor. Der Diesel-Motor der MS Heitmann 1 verbraucht einiges an Kraftstoff. „Auf dem Kanal pro 100 Kilometer rund 340 Liter Schiffsdiesel, auf dem Rhein durch die Strömung etwa das Doppelte“, ruft er: „Aber überlegen Sie mal, wie viel die 42 LKWs nach Münster brauchen würden.“

Schiffsführer Klaus Kleinhaus hat auf der Brücke Alles im Blick.

Schiffsführer Klaus Kleinhaus hat auf der Brücke Alles im Blick.

Weiter geht der Rundgang in die Schiffswohnung, die am Heck des Schiffes direkt über dem Maschinenraum liegt. „Man macht es sich so schön und wohnlich, wie es eben geht“, erklärt Kleinhaus bei deutlich geringerem, gediegenem Lärmpegel. Schließlich sei er pro Jahr rund 300 Tage an Bord, doch am Ende des Jahres werde das anders sein. „Weihnachten verbringe ich mit meiner Frau und unserem Hund an Land. Darauf freue ich mich sehr.“

Einige Zeit später und längst wieder auf der Schiffsbrücke angekommen, beginnen die Motoren zu dröhnen, die Flüssigkeit in dem auf dem Tisch stehenden Wasserglas beginnt zu zittern. Es ist soweit. Das Schiff verlässt laut wummernd Minden und nimmt Kurs auf Richtung Westen, nach Münster. 15 bis 17 Stunden werde die Fahrt dauern, sagt Kleinhaus. „Wir müssen immer gut aufpassen, ein Bremsweg von 300 bis 350 Metern erlaubt uns keine Fehler oder Nachlässigkeiten.“

 Nostalgie pur gibt es im Maschinenraum zu bewundern.

Nostalgie pur gibt es im Maschinenraum zu bewundern.

Freiheit und Ruhe
Es ist wenig los auf dem Wasser, auf einem Radar-Bildschirm sind die weiteren Schiffe auf dem Mittellandkanal erkennbar. Dazu zählen nicht die Boote der Wasserschutzpolizei, die in ruhiger Fahrt auf dem Gewässer patrouillieren. „Kaum Schiffe momentan“, verrät Kleinhaus knapp. Das liege am ‚kleinen Wasser’ auf dem Rhein, erklärt der 62-jährige Binnenschiffer. Auf Nachfrage wird der Zusammenhang klar. Durch den Sommer sei der Stand des Rheines wie in den anderen Gewässern gering. Dadurch habe man die Binnenschiffe vom Kanal auf den Rhein abgezogen, um das nötige Ladevolumen einzuhalten. Eine Handbreit Wasser unter dem Kiel müsse schon immer sein, lacht er – natürlich symbolisch gemeint. Er muss es wissen, rund 40 Jahre Erfahrung und die Schifffahrt in sechster Familiengeneration sprechen für sich. Auch der 56-jährige Steuermann Dieter Möthe pflichtet bei. Dieser könne sich ohnehin nichts Anderes vorstellen, als auf dem Wasser zu arbeiten. „Es ist ein Gefühl von Freiheit gepaart mit großer Ruhe.“ Man glaubt ihm sofort, denn die Fahrt auf dem Wasser ist eine Reise in eine andere Welt. Ruhig tuckernd kämpft sich das schwerbeladene Schiff in Richtung seines Ziels. „Wir müssen genau Bordbuch führen und auch die Ruhezeiten einhalten“, erklärt Klaus Kleinhaus weitaus weniger in Eile als noch Stunden zuvor. Kommen uns Schiffe entgegen, sind diese nicht selten von polnischen oder niederländischen Betreibern im Namen deutscher Unternehmen geführt. Man grüßt sich stets. Das ist so üblich.

Des Binnenschiffers Glück
Als es zu regnen beginnt, passieren wir nach etwa einer Stunde Fahrt die Anlegestelle in Hille. Der Schiffsmotor tuckert gleichmäßig, als Klaus Kleinhaus eine Anekdote aus dem Jahr 1998 beginnt. Kein Seemannsgarn gibt er zu verstehen. Damals, so erzählt er, habe er sein Auto, einen nagelneuen Opel Corsa mit auf seinem eigenen Schiff gehabt. „Ich wollte den Wagen in der Nähe von Magdeburg damals vom Schiff auf Land setzen, als mir an der Hinterachse des Wagens die neuen Halteriemen des Krans rissen. Plötzlich hing der Wagen mit seinem Heck im Wasser. Den siehst Du nie wieder, dachte ich.“ Doch es sollte anders kommen. Nur mit viel Glück habe er das Auto noch an Land hieven können. „Dort rissen dann die anderen beiden Riemen, ich hatte wahnsinniges Glück, aber das muss man im Leben ja auch mal haben“, grinst er.

Glück hatte 1991 auch ein niederländischer Binnenschiffer. Dieser war damals von seinem Schiff im Dortmunder Hafen in eiskaltes Wasser gefallen. „Ohne dass es seine Besatzung gemerkt hatte“, berichtet Kleinhaus. „Ich konnte kaum nachdenken und bin sofort mit einem Rettungsreifen hinterhergesprungen. Zwischenzeitlich dachte ich, ich schaffe das nicht. Das eisige Wasser und die rutschigen Eisschollen sogen mir in Sekunden die Kraft nur so aus dem Körper, aber irgendwie sind wir beide dann an Land gelangt.“ Daraus habe sich infolgedessen eine wahre Freundschaft entwickelt, so der Lebensretter.

Nach etwa vier Stunden Fahrt kommen wir voller neuer Eindrücke und Anekdoten an der Anlegestelle in Lübbecke an. Mein Binnenschiffserlebnis endet hier. Ich bin wieder zurück in der hektischen Welt, im Alltag des Herbstes angekommen. Anders als Klaus Kleinhaus und Dieter Möthe steige ich nun wieder in ein Auto und werde mich über den Verkehr und rote Ampeln ärgern. Während auf beide Binnenschiffer noch eine vielstündige mit Ruhepause gespickte seichte Weiterfahrt auf dem Kanal wartet, stürze ich mich in den feierabendlichen Berufsverkehr. In eine konträre und stressige Welt, die ich auf dem Wasser kurzzeitig zu vergessen haben glaubte. (ns)