Steiles Pflaster für müde Füße

Steiles Pflaster für müde Füße

Warum der Obermarkt für viele Menschen kaum noch zu erreichen ist

Nun ist die Tiefgarage in der Obermarktpassage also seit dem vergangenen Donnerstag endgültig zu. Eine städtische Lösung hat sich sehr zum Unverständnis vieler Mindener nicht mehr abzeichnen können. Hunderte betroffene Dauer- und Tagesparker werden sich nun andere dezentrale Stellflächen suchen müssen. Doch dies ist erst der Anfang der Probleme, denn von Barrierefreiheit am Obermarkt kann keine Rede mehr sein.

Die Opferstraße ist mit ihrer Steigung und dem Kopfsteinpflaster ein Paradebeispiel für die fehlende Barrierefreiheit.

Die Opferstraße ist mit ihrer Steigung und dem Kopfsteinpflaster ein Paradebeispiel für die fehlende Barrierefreiheit.

Wer das Wort Barrierefreiheit hört, der denkt sofort an ältere Menschen oder an Personen mit gesundheitlicher Einschränkung. Still und heimlich malt sich so mancher aus, dass die in der Innenstadt durch den Ausbau der Fußgängerzone gewährleistete Barrierefreiheit für ihn und seine Angehörigen nicht gilt oder man selber erst in vielen Jahren davon betroffen sein wird. Soweit so gut. Tatsächlich jedoch ist aber jeder Mensch zumindest temporär auf die vielfach propagierte Barrierefreiheit innerhalb der Innenstadt angewiesen. Sei es die Mutter mit dem Kinderwagen, der Geschäftsmann mit schweren Koffern oder der Lieferant mit einer Sackkarre. Die Stadt Minden hat in dieser Hinsicht bereits Vorbildliches geleistet. Man denke hier nur an den Barriereatlas mit dessen Hilfe neuralgische Punkte in der Fußgängerzone erkannt und umgebaut wurden oder die taktilen dunkelgrauen Hilfslinien auf dem Pflaster. Doch alle Umbauarbeiten können nun einmal nicht die topografischen Besonderheiten komplett ausräumen.

Für mich ist es ein großes Glück, dass ich einen elektrischen Rollstuhl habe. (Renate Lempert, Anwohnerin)

Für mich ist es ein großes Glück, dass ich einen elektrischen Rollstuhl habe. (Renate Lempert, Anwohnerin)

Topografie stellt Problem dar
In diesem Kontext stellt die Geländebegebenheit am Obermarkt das eigentliche Problem dar. Durch den Wegfall des Fahrstuhls in der Obermarktpassage entstehen nun für zahlreiche Bürger neue Probleme, denn der Weg muss nun über zahlreiche enge, steile oder alte Straßen geschehen. Exemplarisch sind hier nur die Opferstraße, Leiterstraße oder Simeonsstraße in Verbindung mit dem Wegfall des Fahrstuhles in der Obermarktpassage zu nennen, der eben diesen Menschen mit Einschränkungen den Weg zum angesprochen Viertel sicherstellte. Auch die Patienten der in der Obermarktpassage ansässigen Ärzte werden die Schließung schmerzlich merken oder haben dies bereits getan.

Die Entwicklung am Obermarkt ist das Ergebnis von Versäumnissen der letzten Jahre. (Philipp Hausdörffer, ISG Obermarkt)

Die Entwicklung am Obermarkt ist das Ergebnis von Versäumnissen der letzten Jahre. (Philipp Hausdörffer, ISG Obermarkt)

Zahlreiche Versäumnisse
„Für mich ist ein großes Glück, dass ich einen elektrischen Rollstuhl habe“, sagt die Anwohnerin Renate Lempert, die auf ihr Hilfsgerät im Alltag angewiesen ist. Mit Rollator oder einem gewöhnlichen Rollstuhl ohne Motor, könne sie diesen Teil der Fußgängerzone nicht mehr erreichen. „Unmöglich“, schüttelt Renate Lempert verständnislos den Kopf. Mit sechs Prozent Steigung seien die Obermarktstraße und der Trockenhof für Handrollstuhlfahrer zu steil. Ohnehin könne sie nicht verstehen, wie es rund um die Obermarktpassage so weit habe kommen können, die Glätte des Winters werde zusätzliche Probleme mit sich bringen. „Die Entwicklung ist das Ergebnis von zahlreichen politischen und städtischen Versäumnissen der letzten Jahre“, erklärt Philipp Hausdörffer von der Immobilien- und Standortgemeinschaft Obermarkt (ISG). Trotz aller positiven Entwicklung in den letzten Jahren, zeige der Daumen bedauerlicherweise nun auch für die Gewerbetreibenden wieder nach unten.

Wir hätten uns eine überzeugende Lösung gewünscht. (Karl-Ernst Hunting, IHK Minden)

Wir hätten uns eine überzeugende Lösung gewünscht. (Karl-Ernst Hunting, IHK Minden)

Als primäres Ziel müsse gelten, die Obermarktpassage mit einem nachhaltigen Konzept schnellstmöglich wiederzubeleben. „Es gab vor circa zwei Jahren einen Kaufvertrag, der dann leider doch nicht zustande kam. Der damalige Hauptmieter Kaufland war unverhofft aus dem bis 2025 laufenden Mietvertrag ausgeschieden“, so Hausdörffer. Die Stadt sei ganz einfach rechtlich in Bezug auf Ausgleichsparkflächen oder die Obermarktpassage nicht in der Lage, schnell zu handeln, aber die städtischen Verantwortlichen hätten der ISG Obermarkt glücklicherweise ihre Hilfe zugesagt. Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK), die das Gesamtinteresse ihrer Mitgliedsunternehmen in der Region vertritt, sieht dunkle Wolken am Obermarkt. „Wir hätten uns eine zeitnahe und überzeugende Lösung gewünscht“, sagt Karl-Ernst Hunting, Geschäftsführer der Mindener IHK-Zweigstelle. Diese Lösung hätte die Entwicklung der Gewerbetreibenden unterstützen können, die Parkplatzsituation entschärft, die Aufenthaltsqualität erhöht und insgesamt die Attraktivität der Innenstadt gesteigert.

Mindens Behindertenbeirat, Eckhard Rüter, erwartet eine priorisierte städtische Vorgehensweise rund um die Martinitreppe.

Mindens Behindertenbeirat, Eckhard Rüter, erwartet eine priorisierte städtische Vorgehensweise rund um die Martinitreppe.

Fahrstuhl am Scharn Zukunftsmusik
Auch der alternativ geplante Fahrstuhl an der Martinitreppe hat bisher keine Realisierung nach sich gezogen. Die Planung der Martinitreppe war zum Bau des Woolworth-Geschäftshauses an der Ecke Scharn / Martinitreppe seinerzeit vorgeschlagen worden. Bei dieser Planung war ein Fahrstuhl vorgeschlagen worden, der die barrierefreie Verbindung von Ober- und Unterstadt gewährleisten könnte. Auf Miku-Anfrage konnte die Pressestelle der Stadt Minden hierzu keine neuen Informationen liefern.

Der Behindertenbeirat der Stadt Minden, Eckhard Rüter hat in diesem Zusammenhang klare Ansprüche. Der Beirat für Menschen mit Behinderungen erwarte von den Stadtplanerinnen und Stadtplanern eine hochpriorisierte Vorgehensweise rund um den geplanten Fahrstuhl an der Martinitreppe. „Wir würden uns wünschen, dass die Anlieger der Martinitreppe den Bau eines Aufzuges und den barrierefreien Anschluss an den Martinikirchhof unterstützen.“ Des Weiteren erhofft sich Eckhard Rüter weitere Stellflächen am oberen Ende der Obermarktstraße. „Parkplätze für Menschen mit Gehbehinderung und ‚Rollstuhlparkplätze’ fehlen im Bereich der Königstraße / Ecke Simeonsstraße.“ In Bezug auf die Obermarktpassage könne man zwar eine Erwartungshaltung gegenüber dem Besitzer einnehmen, dieser sei jedoch weit weg (New York / USA, Anm. d. Red.) und mit den Gegebenheiten in Minden nicht vertraut. „Von der Mindener Stadtverwaltung und der Politik erwarten wir hingegen, dass die Möglichkeiten zum Herstellen einer barrierefreien Stadt weiterhin konsequent verfolgt werden“, so Rüter. Auch an die Besucher und die Gewerbetreibenden der Innenstadt hat Eckhard Rüter eine plausible Bitte. Die 2,50 Meter breite, seit der Neugestaltung der Fußgängerzone bestehende, Gehbahn in der Fußgängerzone solle immer von Gegenständen wie Werbeaufstellern und Fahrrädern freigehalten werden, denn diese bereiteten besonders bei der Barrierefreiheit Probleme.

Martina Genske vom Caritasverband Minden empfiehlt den Bürgern eine Petition.

Martina Genske vom Caritasverband Minden empfiehlt den Bürgern eine Petition.

Petition als Lösungsansatz
Genauso wie Eckhard Rüter, sieht auch Melanie Genske vom Caritasverband Minden mit Sitz in der Königstraße Schwierigkeiten. Vor allem das Kopfsteinpflaster, wie etwa in der Opferstraße oder der Simeonsstraße, stelle massive Probleme dar, denn dieses sei ein großes Risiko für Stürze. „Unser Rat: ein Zusammenschluss der Menschen in Form einer Petition, um auf die Probleme hinzuweisen“, so Melanie Genske.

Es bleibt zu hoffen, dass die Stadt Minden eben diesen Forderungen nachkommen wird und nicht nur die Fußgängerzone als Vorzeigeobjekt barrierefrei gestaltet, sondern auch an die Bewohner denkt und dabei die Obere Altstadt ebenfalls zeitnah barrierefrei sowie familien- und seniorenfreundlich gestaltet. Geschaffene Parkplätze etwa auf den Brachflächen im Bereich des Königswalls und der Greisenbruchstraße könnten ihr Übriges dazu tun. (ns)