Die Trainingsraum-Methode

Die Trainingsraum-Methode

Lehrer der Hauptschule Todtenhausen ziehen positive Bilanz

Ein Schüler der neunten Klasse sitzt alleine im Raum an seinem Tisch an der Wand und ist in die Aufgaben vertieft. Zwei Bücher liegen aufgeschlagen vor ihm. Sechs weitere Schultische stehen ringsum im Raum – die Sitzrichtung zur Wand. „Das hier ist unser Trainingsraum“, sagt Maren Speckmann. Sie ist Betreuerin im Trainingsraum der Hauptschule Todtenhausen und Mitarbeiterin der Volkshochschule Minden-Lübbecke. In einem Trainingsraum geht es verstärkt um Erziehung und um die ganz individuellen Belange des einzelnen Schülers. Es ist eine Methode zur Stärkung der Eigenverantwortung.

Es ist keine Bestrafung

An vielen Schulen gibt es diesen einen berüchtigten Raum. Dort musste man nachsitzen, Strafaufgaben erledigen und sich aufhalten, wenn der Turnbeutel malwieder zuhause vergessen worden ist. Nach der Trainingsraum-Methode ist dies jedoch im frisch hergerichteten, freundlichen Raum der Hauptschule in Todtenhausen nicht so. „Bei uns findet hier keine Bestrafung für ein Fehlverhalten statt. Wir nutzen den Trainingsraum mit einem Erziehungskonzept, bei dem Gespräche auf Augenhöhe stattfinden“, erklärt Speckmann.
Die Hauptschule in Todtenhausen wird 2021 schließen. Nur noch die Jahrgänge der achten, neunten und zehnten Klassen nutzen momentan die Unterrichtsräume. „Wir hatten aber immer das Ziel vor Augen, dass unsere Schüler bis zum letzten Tag gut beschult und betreut werden sollen. Unsere Zeit als Schule läuft zwar ab, aber dafür gehen wir mit einem Knall“, sagt Maren Speckmann, hoch erfreut über den Trainingsraum, den die Schule vor einem Jahr neu eingerichtet hat. Möglich gemacht hat das die Rudloff-Stiftung, mit der die Schule schon einige Projekte realisieren konnte. „Die Anregung, den Raum hier als Trainingsraum zu nutzen, ist im Lehrerkollegium schnell auf ein positives Feedback gestoßen“, sagt Schulleiterin Ulrike Credo.

Sonja Kruse (von links) und Maren Speckmann von der Volkshochschule Minden-Lübbecke besprechen mit Rektorin Ulrike Credo und Iris Moffatt die Entwicklungen der Trainingsraum-Methode.

Sonja Kruse (von links) und Maren Speckmann von der Volkshochschule Minden-Lübbecke besprechen mit Rektorin Ulrike Credo und Iris Moffatt die Entwicklungen der Trainingsraum-Methode.

Genaue Regeln

Die Schüler aller Klassen sind vor einem Jahr genau über den Trainingsraum, die Methode und die Regeln informiert worden. Wenn ein Schüler den Unterricht stört oder die Klassenregeln verletzt, bekommt er eine Verwarnung und die „gelbe Karte“. „Die Lehrkraft fragt den betreffenden Schüler dann, ob er im Unterricht verweilen möchte, oder ob er in den Trainingsraum gehen will. Bleibt er im Unterricht und es folgt eine zweite Verwarnung, muss er den Trainingsraum aufsuchen“, schildert die Betreuerin. Die Schüler können so selbst entscheiden und mitbestimmen. Mit drei weiteren Kolleginnen, Annette Söffker, Beate Forth und Iris Moffatt ist sie für diejenigen Schüler da, die sich für den Trainingsraum entschieden haben und damit zeigen, dass sie Hilfe und Unterstützung brauchen, weil sie sich offensichtlich nicht an Regeln halten können.
Das amerikanische Original-Programm wurde von Edward E. Ford 1994 in Phoenix/Arizona in Anlehnung an Ideen von William T. Powers entwickelt. Es wurde 1996 von Stefan Balke an der Lutherschule in Bielefeld eingeführt. In der Hauptschule in Todtenhausen wird die Trainingsraum-Methode nach Dr. Heidrun Bründel und Erika Simon angewandt. „Bei Dr. Bründel haben wir vor der ‚Eröffnung‘ des Trainingsraums mehrere Fortbildungen absolviert, um uns vorzubereiten“, sagt Speckmann.

Nur noch drei Jahrgänge werden in der Hauptschule in Todtenhausen ihren Abschluss machen, bevor sie schließt.

Nur noch drei Jahrgänge werden in der Hauptschule in Todtenhausen ihren Abschluss machen, bevor sie schließt.

Gemeinsam Lösungen finden

Ziel der Zeit im Trainingsraum ist es, gemeinsam mit dem Betreuer oder anwesenden Lehrer einen Plan zu entwickeln, wie er es schaffen kann, sich demnächst besser an die Regeln im Unterricht zu halten. Der Unterricht im Trainingsraum soll die soziale Kompetenz eines wiederholt störenden Schülers erweitern. Es ist keine Bestrafung oder Ausschluss vom Unterricht. Dadurch würde der Lernerfolg sich nicht verbessern. „Der Raum dient zur Besinnung. Jeder Schüler bekommt hier Hilfe und Unterstützung von den Trainingsraumbetreuern, die mit ihnen nicht nur das Störungsverhalten reflektieren, sondern mit ihnen gemeinsam auch die Absicht herausarbeiten, die zum Störverhalten geführt hat. Ein erneuter oder gar häufiger Besuch im Trainingsraum kommt dann immer seltener vor. Die Schüler wollen eigentlich auch gerne in der Gemeinschaft der Klasse lernen“, erklärt Speckmann.
Die Lehrer der Schule sehen eine klare positive Tendenz seit Einführung des Trainingsraums. Das Klima in den Klassen sei besser geworden, die Lernatmosphäre ruhiger und effektiver. Nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer werden mit der Trainingsraum-Methode entlastet. „Am schönsten sind die ‚Aha-Erlebnisse‘ und die Gesichter, wenn ein Schüler schließlich zu der Einsicht über sein Verhalten gekommen ist“, freut sich Maren Speckmann. (jh).