Lihra meint...

Lihra meint…

Nächstes Reiseziel: Alltag

Die Ferien sind vorbei, auch in Minden. Viele Eindrücke haben wir mit nach Hause gebracht. Und viele gute Vorsätze. Was ist daraus geworden? Reichte der jüngste gute Urlaubsvorsatz bei Ihnen auch gerade bis zur Wohnungstür? 14 Tage Wanderurlaub in den Alpen – Bewegung pur, malerische Aussicht, gesundes Essen. Warum sollte man das nicht auch zu Hause machen? Ein sonniger Abend im Weserbergland? Da bin ich mit dem Auto ruckzuck. Sonntags mal an die Ostsee? Da fährt sogar die Bahn hin. Und der Thüringer Wald ist ja auch nicht so weit entfernt.
Der Sonnabend endete mit einem Wohnungsputz, der Sonntag auf dem Sofa und den Thüringer Wald kennt man bis zum heutigen Tag nur von einem virtuellen Ausflug bei Google Maps. Alle guten Impulse sind im Alltag verpufft. Das Phänomen kennen wir auch noch anders. Eine Woche Gardasee in Italien. Sensationelles Essen, tolle Weine, und durch Zufall fällt auf, dass der Bardolino vom Abendessen beim Winzer zu einem Spottpreis zu haben ist. Zu Hause angekommen wird umgehend die erste Flasche der Kiste entkorkt – und kurz darauf das Gesicht verzogen. Ja, Wein ist es schon – aber der hat dort unten in Italien nach einem Tag am See bei Pasta und italienischer Musik deutlich besser geschmeckt. Selbst wenn es sich um exakt den gleichen Wein handelt – die persönliche Situation ist eine andere. Die Entspannung des Urlaubs ist dem Alltag daheim gewichen, der Blick auf den Gardasee dem Anblick der Küchenraufasertapete. Das beeinflusst die Sinne beim Weintrinken schon sehr. Der Alltag hat uns zurück. Und dann sagen ausgewiesene Weinexperten noch, dass nur die großen Weine reisen können. Soll heißen: Nur Weine, die auch zum Lagern geeignet sind, wird man auch nach Wochen zu Hause noch genießen können. Der Liter Hauswein aus der Trattoria um die Ecke wird eher nicht dazu gehören. Allerdings verliert der seine Qualität über kurz oder lang auch am Urlaubsort.

Die neue Lust am Wandern hingegen ließe sich auch problemlos nach Hause retten. Allerdings ist es bei ihr ein bisschen wie bei den guten Vorsätzen zum neuen Jahr: In der Theorie klingen sie meist absolut nachvollziehbar. In der Praxis lassen wir aber einen bedeutenden Faktor außer Acht – die Realität des Alltags. Alltag schlägt Urlaub! Ein Experte sagte einmal: „Ein paar Wochen profitiert man vielleicht vom Urlaub, dann rutschen die meisten aber ins alte System zurück. Das ist wie mit dem Effekt des guten Schlafs in der Nacht. Der hält auch nicht ewig an.“
Und manchmal kann zu viel Erholung aus Sicht von Außenstehenden sogar ein wenig seltsam machen. Zum Beispiel dann, wenn sich der Urlaubsheimkehrer vorübergehend zu sehr mit seinem Urlaubsziel identifiziert. Stellen Sie sich vor, sie hätten sich auf einem Markt in Nepal eine Schlabberhose gekauft. Die war beim Spaziergang in Kathmandu noch ungemein praktisch. Aber zu Hause in der Bäckerstraße oder bei Hagemeyer? Die Leute gucken schon etwas erstaunt. Auch Flip-Flops sind ein weit verbreitetes Nach-Urlaubs-Phänomen. Am Strand von Timmendorf läuft jeder damit herum. Aber irgendwie sind sie für Rolltreppen, Banken oder der Martini-Treppe einfach nicht gedacht. Und für das Büro ohnehin nicht. Bis diese Erkenntnis reift, braucht mancher Heimkehrer allerdings ein paar Tage und mitunter den dezenten Hinweis eines Vorgesetzten.
Und kennen Sie auch eine dieser schlimmen Urlaubsnachwehen? Den Stimmungsjetlag einer langen Reise. Man kehrt nach drei Wochen zurück ins Büro und tut sich schwer damit, sich wieder an die dort wartenden Aufgaben, Gepflogenheiten und Kollegen zu gewöhnen. Je länger ein Urlaub war, umso länger kann dieser Zustand anhalten. Aber meist ist er nach ein paar Tagen verschwunden.

Wieso fällt es uns so schwer, so vieles aus der schönen Zeit in den Alltag hinüberzuretten? Vermutlich empfinden wir den Urlaub so angenehm, weil er kein Alltag ist. Niemand braucht Flip Flops, Bardolino oder Schlabberhosen zum Abschalten. Ein britisches Sprichwort besagt, das Gras auf der anderen Seite sei immer grüner. Wir neigen dazu, uns stets das herbeizusehnen, was wir nicht haben. Und wenn wir es haben, merken wir manchmal erst, dass das, was wir hatten, so schlecht eigentlich gar nicht war. Willkommen zurück in Minden.