Hass und Ausgrenzung im Internet

Hass und Ausgrenzung im Internet

Präventiv gegen Cybermobbing vorgehen

Gehänselt wird fast immer – meist dort, wo viele Kinder und Jugendliche aufeinandertreffen. Doch aus Hänseln kann Mobbing werden, Gruppendynamiken und kleine Anfeindungen können sich in ungeahnte Maße steigern. Während dieses Phänomen früher größtenteils auf den Schulhöfen, Klassenfluren und -räumen anzufinden war, verlagert es sich nun an einen anderen, digitalen Ort: das Internet und seine sozialen Netzwerke. Durch mediale Vernetzung bei leichtem Zugang und der Möglichkeit, jemanden zu verspotten und verletzten, ohne ihm ins Gesicht sehen zu müssen, kann das sogenannte „Cybermobbing“ zum Martyrium für Betroffene werden, welches weitreichende Folgen für die oft jungen Opfer haben kann.

Mit dem Smartphone fängt es an
Heutzutage sind Kinder und Jugendliche bereits früh im Internet unterwegs – über das Smartphone, Computer, Tablet und auch Spielkonsolen gibt es nahezu überall Zugang zum Internet und zu den sozialen Netzwerken wie Facebook, Whatsapp und Co. Zwar sind viele dieser Dienste altersbeschränkt, wirklich kontrolliert wird aber nicht. Folge: oft sind bereits die Kinder und Jugendlichen bereits in der Grundschule online unterwegs. Birgit Thinnes vom Kommissariat Kriminalprävention und Opferschutz der Kreispolizeibehörde in Minden, ist in diesem Thema weit bewandert und klärt über Cybermobbing (CM) und Konsequenzen auf. „Cybermobbing beginnt meist mit dem Besitz eines Smartphones. Die Kinder und Jugendlichen merken, dass Konflikte auch über WhatsApp ‚gelöst‘ werden können und es einfacher ist, jemanden zu beleidigen, wenn man ihn nicht gegenüber hat“, erklärt Thinnes. Dadurch seien die dort stattfindenden Angriffe auch gleich heftiger. Bei einmaligen Beleidigungen spräche man noch nicht von Cybermobbing; erst wenn ein System dahinterstecke, beispielsweise immer die gleiche Person über einen längeren Zeitraum zum Opfer werde oder auch Bilder und Videos im Spiel seien, kann von CM gesprochen werden. Häufig sei es auch so, dass Kinder, die im Internet gemobbt werden, auch im Schulleben zu Mobbingopfern werden.

Birgit Thinnes von der Kreispolizeibehörde: „Genutzt werden in erster Linie die sozialen Medien, die in dieser Beziehung natürlich keineswegs "sozial" sind".

Birgit Thinnes von der Kreispolizeibehörde: „Genutzt werden in erster Linie die sozialen Medien, die in dieser Beziehung natürlich keineswegs „sozial“ sind“.

Bereits früh präventiv vorgehen
Doch das Bewusstsein bei Eltern und Lehrern steigt – sodass versucht wird, präventiv gegen Cybermobbing vorzugehen, über die weitreichende Konsequenzen aufzuklären und ein Umdenken anzuregen. Denn aus einem unbedarften Scherz kann sich viel mehr entwickeln, als die jungen Menschen meist absehen können. Kinder und Jugendliche sind oft noch gutgläubig, naiv und treffen manchmal unüberlegte Entscheidungen, die sie später bereuen. Daher werden die Jugendlichen inzwischen so früh wie möglich angehalten, überlegte Entscheidungen, vor allen Dingen im Umgang mit dem Internet und sozialen Medien, zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Ein vermeintlich „lustiges“ Bild oder Video, ein Gerücht oder dergleichen ist schnell ins Display getippt, versendet und kann ebenso schnell zu einem Flächenbrand werden, der sich nicht mehr einfach aufhalten lässt. Dabei kann CM jeden treffen, bestätigt auch Birgit Thinnes. Erhöhter Risikofaktor besteht bei jenen, die sich häufig und sehr offen im Internet präsentieren und unüberlegt mit Informationen und Bildern umgehen. Ein Projekt zur Aufklärung über CM und zur Anregung des Dialogs gastiert aktuell an einigen Schulen im Mühlenkreis – das Interaktivtheater „Mensch: Theater!“ ist auf Initiative der Polizei und der Sparkasse unterwegs und bringt den jungen Menschen auf verständliche und unterhaltsame Weise die Thematik näher und regt an, Lösungsansätze zu finden und sich gegen CM und Mobber zu wehren. Am vergangenen Montag waren sie erstmals am Städtischen Gymnasium Petershagen und veranschaulichten den rund 100 Schülern der 8. Klassen anhand dreier kurzer Szenen, wie schnell und weitreichend sich Cybermobbing entwickeln kann. Beratungslehrerin Frau Damm berichtet im MiKu-Gespäch, dass auch ihr schon vereinzelt Fälle begegnet seien, doch am Peterhäger Gymnasium sei die Situation durchaus human und belaufe sich eher auf kleinere Konflikte. Daher wolle die Schule vor allen Dingen präventiv handeln und es gar nicht erst soweit kommen lassen. Die Jugendlichen waren interessiert, aufgeschlossen und konnten sich auch gleich mit den behandelten Situationen identifizieren. Besser noch – sie konnten sich aktiv einbringen, in Rollenspielen und im Dialog auf der Bühne versuchen, sich gegen Mobber zu Wehr zu setzen und Lösungen zu suchen. Im Nachgang und in Workshops wurden diese Erkenntnisse weiter vertieft. Eine wichtige Erkenntnis an diesem Tag: sich trauen, sich zur Wehr zu setzen, Verantwortung zu übernehmen und nicht einfach mitzumachen. Dass das nicht immer leicht ist, konnten die Schüler auch erfahren – doch niemand muss sich diesem alleine stellen. Die Eltern einzuweihen, die Lehrer zu Rate ziehen und informieren, oder im gravierendsten Falle die Polizei verständigen – kurzum: sich Hilfe zu holen – ist der erste, richtige Schritt.

Beim Interaktivtheater im Petershäger Gymnasium wurden die achten Klassen über Cybermobbing, Konsequenzen und Lösungen aufgeklärt.

Beim Interaktivtheater im Petershäger Gymnasium wurden die achten Klassen über Cybermobbing, Konsequenzen und Lösungen aufgeklärt.

Wenn Mobbing zur Straftat wird
Auch wenn es den Jugendlichen erst übertrieben schien, die Polizei zu verständigen – diese weiß zu helfen und behandelt entsprechende Fälle keinesfalls als Bagatellen. Denn CM geht oft mit Straftaten einher – bekräftigt auch Birgit Thinnes. Die unrechtmäßige Verbreitung von Bildern und Videos, Verletzungen des Urheberrechtes sowie Bedrohungen und Erpressungen sind keine Kavaliersdelikte. Die Betroffenen fühlen sich meist ausgeschlossen und hilflos; die psychische Belastung kann sich bis zu Depressionen, Schlaf- und Lernstörungen, Schulangst, Selbstverletzungen und körperlichen Erkrankungen steigern. Cybermobbing macht also krank – und hat in vereinzelten Fällen bereits zu Selbstmorden geführt. Doch es gibt Anzeichen, an denen Eltern und Lehrer erkennen können, dass jemand eventuell gemobbt wird: Opfer erfinden oft Ausreden für zerstörte oder scheinbar verlorengegangene Gegenstände; es treten vor dem Schulbesuch vermehrt unerklärliche körperliche Beschwerden auf; die betroffene Person wird ausgeschlossen, will nicht mehr mit dem Bus zur Schule fahren und spielt die Situation oft vor Erwachsenen herunter. Hier gilt: die Augen offen halten, hinterfragen, Verständnis zeigen und sich Hilfe holen – zahlreiche Institutionen sowie die Polizei unterstützt betroffene Familien bei diesem Schritt. Denn, wie schon die Protagonisten des Interaktivtheaters auch den Schülern in Petershagen vermittelten: „Niemand muss sowas über sich ergehen lassen!“