Der Lehrermangel im Mühlenkreis

Der Lehrermangel im Mühlenkreis

Zahlreiche unbesetzte Stellen sorgen für Aufregung

Seit dieser Woche heißt es im Mühlenkreis wieder früh aufstehen, lernen und Hausaufgaben machen. Die Ferien sind zu Ende, die Pflicht des Schullebens hat für viele Kinder wieder begonnen. Seit Mittwoch herrscht wieder reges Treiben auf den Straßen oder Gehwegen an den Schulen, die Klassenzimmer sind gut gefüllt. Doch erneut bleiben in so manchen Lehrerzimmern einige Stühle frei.

Sinkende Schülerzahlen in OWL
Insgesamt 17.680 Kinder drücken seit dem 29. August erstmals die Schulbank an den Grundschulen in Ostwestfalen-Lippe. Bereits zum zweiten Mal in Folge geht die Zahl der Anmeldungen an den öffentlichen Grundschulen damit zurück. Im Vorjahr wurden noch 17.883 Kinder schulpflichtig. Im Schuljahr 2012 / 2013 waren es gar noch über 20.000 Kinder, die an öffentlichen und privaten Grundschulen erstmals unterrichtet wurden. Von diesem Rückgang sind mit Ausnahme von Gütersloh alle Kreise betroffen. Im Kreis Minden-Lübbecke werden es nach Einschätzung der Bezirksregierung Detmold ganze 68 Kinder weniger sein. Dieser Trend ist auch im Gesamtbild der Schülerschaft in OWL zu bemerken. Während 2017/2018 noch 306.959 Kinder und Jugendliche angemeldet waren, sind es im neuen Schuljahr nur noch 276.873 an den 585 Schulen in OWL. Als Gründe für den Rückgang können die seit Jahren sinkende Geburtenrate und der geminderte Flüchtlingsstrom genannt werden.

"Es wird über Jahre nicht gelingen, die Schulen ausreichend mit grundständig ausgebildeten Lehrkräften zu versorgen" (Sven Christoffer, Lehrer NRW)

„Es wird über Jahre nicht gelingen, die Schulen ausreichend mit grundständig ausgebildeten Lehrkräften zu versorgen“ (Sven Christoffer, Lehrer NRW)

3.700 unbesetzte Lehrerstellen
Landesweit konnten bei insgesamt gut 200.000 Lehrern von 9.600 offenen Stellen rund 5.900 besetzt werden. 3.700 Stellen blieben unbesetzt. In OWL konnten 77,1 Prozent der Stellen besetzt werden. Damit liegt man in der Region deutlich über dem Landesschnitt von 61,6 Prozent. Doch diese Quote ist eben nur deswegen so hoch, weil viele Seiteneinsteiger dabei sind, die mit 59 Einstellungen (8,6 Prozent) einen nicht unerheblichen Anteil der gesamten Stellen ausmachen. Insgesamt habe man in OWL 683 und in Minden-Lübbecke 94 Anstellungen vornehmen können, so die Bezirksregierung Detmold in einer aktuellen Statistik. In den Vorjahren war dies für Minden-Lübbecke tatsächlich noch deutlich mehr. Während 2017 131 Neuanstellungen erfolgten, waren dies 2016 noch 122. Besonders die geringe Neuanstellungsquote an den Real- (47,94 Prozent) und Grundschulen (62,69 Prozent) ist in OWL auffallend. Die Frage nach dem warum beantwortet Andreas Moseke von der Pressestelle der Bezirksregierung Detmold verbunden mit einer Hoffnung: „Es gibt aktuell nicht genügend fertige Lehramtsabsolventen, die sich auf die ausgeschriebenen Stellen bewerben können.“ Die Bezirksregierung erwarte, so Moseke, dass zum Einstellungstermin im November noch eine Reihe von Stellen besetzt werden könne. Der Grund hierfür: Zu diesem Zeitpunkt werden neue Lehramtskandidaten ihr Studium und ihre Ausbildung abschließen.

"Wir hoffen, dass sich schnell etwas ändert, sonst dauert es nicht mehr lange, bis bald der ganz große Knall kommen wird." (Zitat einer Mindener Lehrkraft)

„Wir hoffen, dass sich schnell etwas ändert, sonst dauert es nicht mehr lange, bis bald der ganz große Knall kommen wird.“ (Zitat einer Mindener Lehrkraft)

Belastungsgrenzen sind erreicht
Neben den Einstellungszahlen sorgen auch immer mehr angehende und bestehende Lehrkräfte für Probleme. Oft entscheiden sich diese das Studium zu beenden oder hegen Gedanken aus dem Lehrberuf auszusteigen. „Es sind mitunter starke berufliche Belastungen. Man nimmt neben der Vorbereitungsarbeit auch unzählige Klassenarbeiten und die Probleme der Kinder mit ins Privatleben, die dieses stark belasten. Hinzu kommen die überfüllten Klassen, verhaltensauffällige Kinder und jene, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Außerdem wird erwartet, mit den Inklusionskindern gut umgehen zu können. All das und die Reibereien und Rechtfertigungen mit den Eltern bei den Notengebungen tragen nicht gerade dem gesundheitlichen Wohlsein bei“, verrät eine Mindener Lehrkraft, die an einer Grundschule unterrichtet und namentlich nicht genannt werden möchte, in einer wahren Brandrede: „Man hat einfach das Gefühl, nicht allen Kindern gerecht zu werden, dabei ist gerade für viele Kinder der Unterricht an einer Grundschule elementar wichtig. Viele meiner Kolleginnen und Kollegen fühlen sich von Entscheidern und Politikern unter Druck gesetzt und haben längst den Spaß am Beruf verloren. Es ist einfach unfassbar desillusionierend, dass in OWL fast 40 Prozent der ausgeschriebenen Lehrerstellen an Grundschulen nicht besetzt werden können. Wohin soll das alles noch führen.“ Doch was sei die Alternative. Die Arbeitslosigkeit? Der Vorruhestand? Die Perspektivlosigkeit oder Krankschreibung? Manchmal könne man einfach nicht mehr, sagt die Lehrkraft. Der hohe Krankheitsstand im Lehrerberuf und die häufig in Anspruch genommene psychotherapeutische Hilfe spreche für sich. In Kombination mit dem chronischen Lehrermangel müsse der krankheitsbedingte Ausfall der Pädagogen als fatal bewertet werden. Es sei gar ein Teufelskreis. „Die anderen Lehrkräfte können die krankheitsbedingten Fehlzeiten nicht auch noch ausgleichen, das stellt niemanden zufrieden. Wir hoffen, und das kann ich für eine breite Schicht meines Berufsstandes sagen, dass sich schnell etwas ändert, sonst dauert es nicht mehr lange, bis bald der ganz große Knall kommen wird“, berichtet die Lehrkraft und nimmt die Bundeskanzlerin in den Fokus. Von einem gesellschaftspolitischen „Wir schaffen das“ wolle an den Schulen niemand mehr etwas hören, denn es sei schlicht und ergreifend realitätsfern und opportun gewesen, eine solche Aussage zu treffen. Dies zeige sich in vielen Behörden genauso wie in Schulen: „Ich würde mir wünschen, dass Frau Merkel einmal ein paar Wochen an einer Schule unterrichtet. Danach würde sie so etwas mit Sicherheit nie wieder sagen.“

Fragwürdige Werbekampagne
Dass sich schnellstmöglich etwas ändern muss, hat auch der Verband für den Sekundarbereich ‚Lehrer NRW’ erkannt. Dazu sagt der stellvertretende Vorsitzende des Verbandes, Sven Christoffer: „Schulministerin Yvonne Gebauer hat bei der Vorstellung der aktuellen Lehrerbedarfsprognose im Frühjahr eingeräumt, dass […] rund 15.000 Lehrkräfte fehlen.“ Besonders an den Schulen im Primar- und Sekundarbereich I sei der Lehrermangel dramatisch, während an Gymnasien und Gesamtschulen gar ein Bewerberüberhang bestehe. „Das bedeutet, dass es auf Jahre hinaus nicht gelingen wird, die Schulen ausreichend mit grundständig ausgebildeten Lehrkräften zu versorgen, weil der Markt leergefegt“, so Christoffer. Der Quereinstieg sei sinnvoll, notwendig und könne die Personaldecke relativ unkompliziert schließen, aber er löse nicht das langfristige Problem. Vielmehr sei das Image des Lehrerberufs schlecht, die Anforderungen hoch und die Bezahlung zu niedrig. Eine Lehrer-Werbekampagne dieses Jahres sei zwar lobenswert, aber problembehaftet. Aus diesem Grund müsse aus Sicht von Lehrer NRW bezweifelt werden, ob pseudo-jugendliche Slogans im Fack-ju-Göhte Stil („Ein Leben lang Influencer? Kannste haben!“ oder „Job mit Pultstatus – Gönn Dir!“) junge Leute für den Lehrerberuf begeistern könnten. „Es bleibt zu hoffen, dass die zweite Phase der Kampagne wirklichkeitsnäher wird“, erklärt Christoffer.

Lehrer NRW fordert umfassende Reformen
Neben einer zeitgemäßen Lehrerausbildungs-Offensive fordert Lehrer NRW weitere umfassende Maßnahmen. Wer junge Lehrer gewinnen wolle, müsse den Beruf auch finanziell attraktiv machen. Daher fordert Lehrer NRW eine Eingangsbesoldung nach A13 (Anm. d. Red.: rund 4.100 Euro) damit Nordrhein-Westfalen im knallharten Wettkampf um den Pädagogen-Nachwuchs bestehen könne. Des Weiteren müsse man die Rahmenbedingungen an den Schulen verbessern. Hierzu zählen kleinere Klassen, die moderate Absenkung des Pflichtstundendeputats, eine Reduzierung der anfallenden Mehrarbeit und mehr Zeit für das Kerngeschäft, so die Forderung.

Ausbildung stellt hohe Anforderungen
Dabei beginnt das eigentliche Problem bereits in der langen Studienzeit. Diese beträgt für das Lehramt in der Regel im Bachelor- und Masterstudiengang insgesamt zehn Semester. Für viele Studenten ist dies zeitlich nicht zu schaffen, wenn nebenbei noch der Lebensunterhalt erarbeitet werden muss. Hinzu kommt das aufreibende und anstrengende Referendariat. Spätestens hier beginnt der Leistungsdruck mit einhergehenden psychischen Problemen. Dem ‚Barmer-Arztreport’ nach zufolge gilt jeder sechste Student in Deutschland als psychisch krank. Doch diese Probleme müssen Studenten, die sich verbeamten lassen wollen, oft für sich behalten. Der Grund hierfür: Angehende Beamte, egal ob Lehrer, Juristen oder Polizisten, werden vor dem Eintritt in den Staatsdienst auf ihre gesundheitliche Eignung überprüft. Hierbei stellt der Amtsarzt eine Prognose. Bestehen an der Eignung medizinische Zweifel und der Mediziner vermutet mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit“ eine vorzeitige krankheitsbedingte Aufgabe des Dienstes oder „regelmäßige krankheitsbedingte Ausfälle“, ist der Anwärter nicht für eine Verbeamtung geeignet. Dabei entscheidet das individuelle Ermessen des Arztes. Ein weiterer Teufelskreis in unserem Land. Es ist Zeit für ein Umdenken. Zeit den Lehrerberuf neu zu organisieren. (ns)

Tabelle:

Neuanstellungen von Lehrkräften im Jahr 2018 in Minden-Lübbecke. Vorjahre in Klammern:
Grundschule 26 (2017: 27 / 2016: 36)
Hauptschule: – (- / 4)
Realschule: 4 (7 / 6)
Förderschule: 4 (5 / 4)
Sekundarschule: 16 (19 / 24)
Gesamtschule: 14 (29 / 15)
Gymnasium: 15 (12 / 4)
Berufskolleg: 10 (10 / 19)
Weiterbildungskolleg: 1 (2 / 4)
Gemeinschaftsschule: – ( – / -)
Primusschule: 4 (4 / 5)
Gesamt: 94