Die Brücken im Mühlenkreis

Die Brücken im Mühlenkreis

Sicherheitsinvestitionen in Millionenhöhe geplant

Genua am 14. August 2018. Es sollte ein sonniger und warmer Tag in der italienischen Großstadt werden. Gegen 11.30 Uhr fand diese spätsommerliche Idylle ein Ende. Auf furchtbare und lautkrachende Art und Weise erschütterte die Nachricht des Autobahnbrückeneinsturzes an der A10 die Weltpresse. Durch den Zusammensturz auf einer Länge von 45 Metern wurden 43 Menschen aus dem Leben gerissen. Doch muss immer erst ein schweres Unglück passieren, bevor die Behörden handeln oder sind die Institutionen hierzulande präventiv gut aufgestellt? Zeit für die Frage, wie sicher die Brücken in unserer Region sind.

Hohe Sicherheitsstandards
Diese Antwort kann nicht mit Bestimmtheit beantwortet werden. Als jedoch „sehr unwahrscheinlich“, stuft Dr. Markus Hamme aus der Abteilung Konstruktiver Ingenieurbau von ‚Straßen.NRW‘ einen ähnlichen Unglücksfall ein. „Die sehr hohen Standards bei Planung, Bau und Betrieb von Brücken schließen derartige Katastrophen nahezu aus“, sagt er. Um den Zustand der Brücken besser klassifizieren zu können, unterteilt man bei einer genormten Prüfung in Deutschland in mehrere Noten. „Alle Brücken und Ingenieurbauwerke im öffentlichen Verkehrsraum müssen regelmäßig geprüft und die Schäden dokumentiert werden“, berichtet auch Katharina Heß von der Stadt Minden. Aus diesem Grunde werde alle sechs Jahre eine Hauptprüfung und jährlich eine Sichtprüfung durchgeführt. Je nach Sicherheit, Verkehrssicherheit und Dauerhaftigkeit werden Noten von 1,0 bis 4,0 erteilt. Die Vermessung von Absackungen erfolge alle zwei Jahre, so Heß.

Markus Hamme von Straßen NRW hält ein Unglück wie in Genua in NRW für "sehr unwahrscheinlich."

Markus Hamme von Straßen NRW hält ein Unglück wie in Genua in NRW für „sehr unwahrscheinlich.“

Bis 2013 habe die Stadt Minden 54 Brücken, davon 12 anteilige Mittellandkanalbrücken, vier Kanalunterführungen und acht Objekte wie Stützmauern und Trogbauchwerke gehabt, berichtet Heß weiter. Anfang 2014 seien von Straßen NRW weitere 28 Bauwerke übernommen worden.

133 Brücken an den Gewässern
Darunter neun Brücken und drei weitere Mittellandkanalbrücken. Auch das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) ist für die Unterhaltung von Brücken zuständig. Dazu sagt Axel Sohny vom WSA: „Es handelt sich hierbei um 131 Straßen und zwei Bahnbrücken.“ Diese befänden sich in einem ordnungsgemäßen Zustand ohne Nutzungseinschränkungen. In der Regel handele es sich um Routinetätigkeiten wie Korrosionsschutzarbeiten und um den Austausch von Verschleißteilen wie Brückenlagern oder Übergangskonstruktionen, erklärt Sohny. Außerplanmäßige Prüfungen finden in der Regel nach zustandsbeeinflußenden Ereignissen wie Hochwasser oder Unfällen statt. Manchmal sei jedoch sofortiges Handeln erforderlich. Beispielhaft sei hier die Sperrung der Landesstraße L772 in Hartum zu nach einem Schaden zu nennen. „Eine Verkehrsfreigabe konnte erst nach einer mehrmonatigen Sperrung in 2017 zur Vorbereitung und Durchführung der Instandsetzungsmaßnahme erfolgen“, berichtet Axel Sohny.

Die Mindener Weserbrücke wurde erst in diesem Jahr umfangreich saniert.

Die Mindener Weserbrücke wurde erst in diesem Jahr umfangreich saniert.

Nicht nur Top-Zustand
Doch nicht alle Brücken in der Region sind in gutem Zustand. So gibt es in unserer Region vier Landesstraßenbrücken mit einer Zustandsnote von 3,5. Dies ist mit einem kritischen bis ungenügenden Bauwerkszustand. Diese Note erfordert schnellstmöglich eine Instandsetzung. Hierbei handelt es sich nach Miku-Informationen um die Weserbrücke bei Petershagen auf der L770, die Brücke über die Osterkalle bei Kalletal (L961), die Brücke über die Emmer bei Lügde (L946) und die Werreumflutbrücke in Bad Oeynhausen (L772).

Millioneninvestitionen geplant
Auch in Minden stehen Bauvorhaben an. Dazu sagt Friedrich Lange von den Städtischen Betrieben: „Unsere Brücken in Minden sind sicher und haben im Durchschnitt eine Note von 2,4.“ Dies ist gleichbedeutend mit einem befriedigenden Bauwerkszustand. Nichtsdestotrotz sei das Bauwerk 51, die Hochstraße im Bereich Werftstraße, Göbenstraße und Marienstraße (L764) dringend sanierungsfällig. Außerdem, so Lange, müsse unter anderem die Nordbrücke zwischen Friedrich-Wilhelm-Straße und Werftstraße und die Brücke zwischen Ösperweg und Bachstraße in Dankersen erneuert werden. Dazu sagt Katharina Heß: „Für das nächste Jahr ist die komplette Instandsetzung der Hochstraße L764 mit Gesamtkosten von etwa 4,8 Millionen Euro geplant. Im Jahr darauf soll dann die Nordbrücke über die Weser / Weserhafen mit ungefähr den gleichen Kosten folgen.“

"In den nächsten Jahren sollen die Hochbrücke L764 und die Nordbrücke modernisiert werden." (Katharina Heß, Stadt Minden)

„In den nächsten Jahren sollen die Hochbrücke L764 und die Nordbrücke modernisiert werden.“ (Katharina Heß, Stadt Minden)

375 Brücken sanierungsbedürftig
Doch das ist NRW-weit nur die Spitze des Eisberges. Auch der Bundestagsabgeordnete der Liberalen für Minden-Lübbecke, Frank Schäffler, befasste sich kürzlich mit dem Thema. So heißt es auf seiner Homepage: „Nach der von Bund und Ländern gemeinsam erarbeiteten ‚Strategie zur Ertüchtigung der Straßenbrücken im Bestand der Bundesfernstraßen’ sind in NRW 375 Brücken sanierungsbedürftig. Nach aktuellem Stand der Untersuchungen müssen 198 Brücken erneuert und 96 Brücken verstärkt werden.“ Geschätzter Kostenpunkt 3,9 Milliarden Euro. Dies gehe aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion hervor. Landesweit, so der FDP-Politiker weiter, habe sich „der Anteil der Brücken mit einer befriedigenden Zustandsnote in den letzten fünf Jahren um zwei Prozent auf 42,4 Prozent erhöht“, während der Anteil der Brücken mit einer nicht ausreichenden und ungenügenden Zustandsnote im selben Zeitraum von 10,7 auf 8,7 Prozent zurückgegangen sei. Für den Kreis Herford bedürfe es entlang der A30 für zwei Brücken eines Ersatzneubaus. Eine weitere Brücke müsse verstärkt werden. Außerdem sei im Verlauf der B61 ein Ersatzneubau und eine Brückenverstärkung nötig. Gesamtkostenvolumen: Mehr als 25 Millionen Euro, so schätzt Schäffler. Um ein Unglück wie in Genua zu vermeiden, sollten die Arbeiten schnell bewilligt werden und beginnen, denn wie sich zeigt, sind längst nicht alle Brücken in der Region in einem Topzustand. (ns)