Minden und Umgebung verliert seinen tierärztlichen Notdienst

Minden und Umgebung verliert seinen tierärztlichen Notdienst

Arbeitszeitgesetz zwingt Tierklinikbetreiber zu ungewollten Maßnahmen

Lange Jahre gab es auch in Mindens Umland einen 24-stündigen tierärztlichen Notdienst – zuletzt in der ehemaligen Kleintierklinik Dr. Scholten in Porta Westfalica, doch diese Zeiten sind seit dem vergangenen Dienstag um 23.59 Uhr vorbei, denn der Betreiber Dr. Jürgen Scholten hat seinen Status zurückgegeben.

Strafrechtliche Konsequenzen drohen
„Wie viele andere Kliniken in Deutschland könnten auch wir durch das Arbeitszeitgesetz strafrechtlich belangt werden“, berichtet Scholten, dessen ehemalige Klinik fortan als Tierarztpraxis ohne Klinikstatus weitergeführt wird. Durch die Aufgabe der Portaner Klinik sind die nächtlichen Anfahrtswege im Notfall ab sofort weit. Zu weit für viele Tiere bei schweren gesundheitlichen Vorkommnissen in der Nacht. Eine durch die Vorgaben des Gesetzgebers gesteuerte Zeitbombe.

Neben Katzen, Vögeln und vielen anderen Tieren, werden auch Hunde bis auf weiteres nachts keine Notfallversorgung in der Region erfahren.

Neben Katzen, Vögeln und vielen anderen Tieren, werden auch Hunde bis auf weiteres nachts keine Notfallversorgung in der Region erfahren.

Grund dafür ist der von der tierärztlichen Kammer vorgeschriebene 24-stündige Bereitschaftsdienst für die Kliniken und die damit in Zusammenhang stehende problematische Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes. Dieses sieht eine Regelarbeitszeit von acht Stunden am Tag oder in der Nacht vor. In Ausnahmefällen darf diese Arbeitszeit bis zu zehn Stunden ausgeweitet werden, doch das Problem sind die vorgeschriebenen Ruhezeiten von elf Stunden. „Besonders die ununterbrochenen Ruhezeiten von elf Stunden zwischen zwei Arbeitseinsätzen treibt den Personalbedarf in die Höhe“, erklärt Dr. Eva Peitzmeier, Vorsitzende der tierärztlichen Kreisstelle Minden-Lübbecke. Aus diesem Grund müssten unter normalem und wirtschaftlich vertretbarem Personaleinsatz Operationen verschoben werden.

„Diese Situation ist bundesweit leider schon lange Alltag. Nun hat sie auch den Mühlenkreis erreicht.“ (Dr. Eva Peitzmeier, Vorsitzende der tierärztlichen Kreisstelle Minden-Lübbecke)

„Diese Situation ist bundesweit leider schon lange Alltag. Nun hat sie auch den Mühlenkreis erreicht.“ (Eva Peitzmeier, Vorsitzende der tierärztlichen Kreisstelle Minden-Lübbecke)

Human- vs. Veterinärmedizin
Das Arbeitszeitgesetz besteht bereits seit 1994. Zuletzt geändert wurde es 2016. Lange Zeit blickten die Gewerbeaufsichtsämter im Bereich der Tiermedizin großzügig darüber hinweg. Das hat sich nun geändert, die Kontrollen wurden verschärft. Bei einmaligem Verstoß drohen 15.000 Euro Geldstrafe, bei zweitmaligem Vergehen kann ein Klinikbetreiber vorbestraft werden. Anders stellt sich die Situation in der Humanmedizin dar – hier gibt es Ausnahmeregelungen. Doch eben nicht für Tierärzte. „Das deutsche Arbeitszeitgesetz gilt für Tierärzte uneingeschränkt“, macht Peitzmeier den Unterschied zu Humanmedizinern deutlich.

Ernsthaftes Tierschutzproblem
In einem unserer Redaktion vorliegenden Brandbrief der Mindener Tierärztin Dr. Anja Sommer vom 23. Juli 2018 an die zuständigen Behörden und die Abgeordneten der Stadt Minden, heißt es, die Notfallversorgung der Tiere sei ernsthaft gefährdet und es müsse schnell eine gesetzliche Neuregelung getroffen werden. Die Tierärztin, die bis vor wenigen Wochen mit ihrem Team ebenfalls einen 24-stündigen Bereitschaftsdienst bot, schreibt hierin: „Laut Bundes-Tierärzteordnung sowie den Berufsordnungen der einzelnen Tierärztekammern haben Tierärztinnen und Tierärzte die Aufgabe, Leiden und Krankheiten der Tiere zu verhüten, zu lindern und zu heilen sowie das Leben und Wohlbefinden der Tiere zu schützen“. Eine mangelhaft geregelte Notfallversorgung stelle ein ernsthaftes Tierschutzproblem dar.

Die Mindener Tierärztin Anja Sommer fordert ein schnelles Umdenken und Handeln der Verantwortlichen.

Die Mindener Tierärztin Anja Sommer fordert ein schnelles Umdenken und Handeln der Verantwortlichen.

Eine Anpassung des Heilberufsgesetz NRW sei notwendig, da dieses einen Unterschied für den Notdienst zwischen Human- und Veterinärmedizin macht. „Nach §6 ist es ebenfalls Aufgabe der Kammer, einen ärztlichen und zahnärztlichen Notfalldienst in den sprechstundenfreien Zeiten sicherzustellen und bekanntzumachen. Es sollte doch möglich sein, diese Absätze auf die tierärztliche Tätigkeit auszuweiten“, fordert Sommer, wenngleich ein Arbeitszeitgesetz sinnvoll und selbstverständlich für die Minimierung der physischen und psychischen Belastung am Arbeitsplatz wichtig sei.

Ring-Notdienst gefordert
„Für Alle, die unsere Bemühungen um eine geregelte Notdienstversorgung unterstützen möchten, liegt eine Unterschriftenliste in unserer Praxis aus, die wir gesondert beim Petitionsauschuss des Landtages einreichen werden“, sagt sie und berichtet, dass die eigene Praxis sieben Tage die Woche bis 22 Uhr geöffnet habe. Und das ausschließlich aus freiwilligem Antrieb.

Es sei selbstverständlich, dass die Praxis bei einem Ring-Notdienst mitmachen werde, so die Veterinärin. Bestes Beispiel für einen funktionierenden Ring-Notdienst sei unter anderem der Nachbarslandkreis Schaumburg. „Dieser gewährleistet die Notfallversorgung und Stabilisierung der Tiere im Notfall und steigert so die Überlebenschance beträchtlich“, erläutert die Veterinärin.

Bundesweit trauriger Alltag
Auch Eva Peitzmeier sieht die Probleme: „Diese Situation ist bundesweit für andere Kreise schon seit längerer Zeit leider schon zum Alltag geworden und nun hat sie auch den Mühlenkreis erreicht.“ Dabei versuche die Tierärztekammer Lösungen zu erarbeiten. In vielen Kreisen habe man wieder geregelte Notdienste organisiert. „Da wir weder das Arbeitsschutzgesetz noch den Mindestlohn beeinflussen können, bleibt nur, die kammerseitigen Anforderungen an die Kliniken so zu gestalten, dass das Angebot des Notdienstes kein reiner Service bleibt, sondern zumindest auch wieder die entstehenden Kosten getragen werden können“, erklärt Peitzmeier.

Aktuell gibt es eben diesen Ringnotdienst in Nordrhein-Westfalen und somit in Mindens näherer Umgebung nicht und die tierärztlichen Türen bleiben für notleidende Tiere spätestens nach 22 Uhr verschlossen.

Die nächste Gremiensitzung wird Mitte August zum Thema stattfinden. Ein Licht am Ende des Tunnels. Mehr nicht. Für viele Tiere wird eine Veränderung zu spät kommen. Es ist mehr als Zeit für eine öffentliche Diskussion zum Thema und ein umgehendes Handeln der Verantwortlichen. (ns)

Info:
Derzeitig noch erreichbare Tierkliniken mit 24-stündiger Bereitschaft.
Geschätzte Anfahrtswege aus Minden:

24 km – Tierärztliche Klinik für Kleintiere, Konrad-Adenauer-Str. 30, 31737 Rinteln, 05751-5766
34 km – Tierärztliche Klinik Kosuch, Düdinghausen 6, Steyerberg, Tel. 05764-96130
41 km – Tierklinik Preußisch Oldendorf, Am Bodenbach 7, 32361 Preußisch Oldendorf, Tel. 05742-2355
52 km – Tierklinik Bielefeld, Bechterdisser Str. 6, 33719 Bielefeld, 0521-260370
87 km – TiHo Hannover, Bünteweg 2, 30559 Hannover, Tel. 0511-95360