Der Mühlenkreis ächzt unter der Hitzewelle

Der Mühlenkreis ächzt unter der Hitzewelle

Weitreichende Auswirkungen für Menschen, Tiere und Umwelt

Die Hitze hat den Mühlenkreis seit einigen Wochen fest im Griff. Bereits die Frühlingsmonate waren ungewöhnlich warm und brachten sehr wenig Regen. Spätestens aber seit Julibeginn hielten Temperaturen über 30 Grad anhaltend an. Dieses dauerhafte warme Wetter macht nicht nur uns Menschen zu schaffen, auch die Tiere und die Umwelt haben mit der Hitze zu kämpfen.

Wetterphänomen Hitze
Jürgen Zapke betreibt eine Wetterstation in Dankersen und zeichnet akribisch alle relevanten Werte auf. Auch er sagt, dass es eine Hitze wie in diesem Maße selten gegeben habe. Die Durchschnittswerte seit April seien immens hoch gewesen, jeder Monat habe die Werte der Vorjahre getoppt. Vor allen Dingen die geringen Niederschlagsmengen seien ungewöhnlich, bereits seit Februar gab es unterdurchschnittlich viel Regen. Es habe zwar schon Jahre gegeben, in dem der Juli im Durchschnitt noch wärmer gewesen wäre, beispielsweise 2006. In dem Jahr waren aber die Vormonate wesentlich kühler und auch bedeutend nasser (s. Tabelle). „Dieser Sommer wird sicherlich ein Rekordsommer. Er wird wahrscheinlich unter der Top 5 seit Beginn der Wetteraufzeichnungen liegen“, prophezeit Zapke. Der August werde höchstwahrscheinlich noch sehr warm und vor allem Anfangs noch sehr heiß. Bei einer Durchschnittstemperatur von 22 Grad würde der Sommer Spitzenreiter in der ewigen Liste. Dennoch glaubt Zapke, dass sie dieser Sommer in dieser Form nicht so schnell wiederholen werde. Bereits in diesem Frühjahr hätten sich die Hochdrucklagen stark positioniert und oft Brücken gebaut, somit wären die Tiefs blockiert worden. „Oft sagt man, wenn das Frühjahr schön ist, wird der Sommer nicht so toll. Aber in diesem Jahr hat die Siebenschläferregel voll zugetroffen“.

Dürre macht Landwirten zu schaffen
Das stetig heiße Wetter hat auch weitreichende Konsequenzen für die hiesige Landwirtschaft. Bereits im Juni sorgten sich die Bauern um ihre Ernte und um das Winterfutter. Durch den wenigen Regen sei bereits die erste Mahd bei einigen Landwirten im Kreis dürftig ausgefallen, manche seien gar nicht erst dazu gekommen, eine zweite Mahd vorzunehmen; bei anderen sei diese ebenfalls sehr schwach ausgefallen, berichtet Rainer Meyer, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Minden-Lübbecke. Die Wiesen seien vertrocknet, sodass besonders die Rindviehhalter ernsthafte Probleme bekämen. „Normalerweise wird drei oder viermal geschnitten, doch da alles vertrocknet ist, kam man gar nicht erst soweit. Dieses Futter fehlt natürlich“, erklärt Meyer weiter. Die Narben seien vertrocknet, dafür würden sich aber auf den Weideflächen die Unkräuter vermehren. Das könne auch zukünftig zu Problemen führen, da diese dem Gras den Platz stehlen und die Grassamen nicht durch kämen. Bei manchen Landwirten fehle bis zu 60 Prozent der eigentlichen Futtermenge, sodass Heu, Stroh und Kraftfutter hinzugekauft werden müsse – eine zusätzliche finanzielle Belastung. Einige Rindviehhalter seien bereits dazu übergegangen, aufgrund des Futtermangels Tiere vorzeitig schlachten zu lassen, vor allem in der Mutterkuhhaltung. Diese Tiere hätten eigentlich erst im Spätherbst geschlachtet werden sollen und durch diese Entwicklung werde es aktuell sogar schwer, noch Schlachtvieh unterzubringen. Außerdem ergebe sich dadurch auf dem Fleischmarkt ein Überangebot, wodurch die Preise enorm verfallen würden. Die nun geschlachteten Tiere würden wiederum im Herbst fehlen. Wie sich dies auf den Endverbraucherpreis auswirken werde, bleibe abzuwarten, erläutert Meyer.

Rainer Meyer, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Minden-Lübbecke: „Die Ernteerträge haben sehr unter der Hitze gelitten, dennoch gibt es regional noch Unterschiede".

Rainer Meyer, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Minden-Lübbecke: „Die Ernteerträge haben sehr unter der Hitze gelitten, dennoch gibt es regional noch Unterschiede“.

Unterdurchschnittliche Ernte
Auch die Ernteerträge haben unter der Hitze gelitten, dennoch gebe es regional noch Unterschiede. Die Kartoffelernte wird wohl schwächer ausfallen, da das Hauptwachstum der Knollen durch die Trockenheit gestört worden sei. Noch nachkommende Regenfälle wären gut, doch einen vollen Ausgleich werde es wohl nicht mehr geben, prophezeit Meyer. Die Getreideernte ist inzwischen weitestgehend abgeschlossen, auch hier sie die Ernte aufgrund des mangelnden Regens sehr vermindert worden. „Grob sind wir etwa 20 Prozent unter dem Durchschnitt, in manchen Regionen im Kreis haben Landwirte weniger als die Hälfte des Durchschnitts ernten können“. Zumindest eine gute Sache habe das anhaltend sonnige und warme Wetter gehabt: „Wir hatten selten eine so entspannte Getreideernte wie in diesem Jahr. Mit dem Wissen, dass das Wetter morgen und übermorgen weiter anhalten werde, könne auf so manche Nachtschicht auf dem Felde verzichtet werden“, sagt Rainer Meyer. Um solchen Extremsituationen vorzubeugen, fordere der Landwirtschaftliche Berufsverband eine steuerfreie Rücklage für Landwirte. „Wir hoffen auf Bewegung. Eine Ausgleichsrücklage wäre ein sinnvolles Instrument“, erklärt Meyer, doch mit dem diese Woche anberaumten Dürregipfel werde sich nicht sofort eine Lösung ergeben. Es müsse voraussichtlich erst abgewartet werden, wie die Erntebilanz ausfällt, um dann zu entscheiden, ob existenzbedrohten Betrieben geholfen werden könne.

Straßenbauarbeiter bei der Beseitigung von Bitumen-Schäden im Mühlenkreis (Foto: Beatrix Aden)

Straßenbauarbeiter bei der Beseitigung von Bitumen-Schäden im Mühlenkreis (Foto: Beatrix Aden)

Probleme auf den Straßen
Auch die Straßen leiden unter der anhaltenden Hitze. Hitzebedingt treten sogenannte Blow-Ups, sogenannten Aufplatzungen, auf. Dieses Phänomen trifft häufig bei Betonfahrbahnen auf, wenn sich die Fahrbahnplatten ausdehnen und die Fugen die Ausdehnungen nicht mehr aushalten. Dabei schieben sich ähnlich wie bei einem Erdbeben die Platten übereinander oder brechen auf.
Glücklicherweise gebe es aktuell noch keine Hitzeschäden auf den Straßen im Kreisgebiet, sagt Beaxtrix Aden, Amtsleiterin des Bau- und Planungsamtes des Kreises Minden-Lübbecke. Allerdings mit Einschränkung. „Schäden können bei diesen Temperaturen jederzeit auftreten.“ Zwar könne die Bitumen-Schicht der Straßen auch hier leicht hochkommen, doch seien diese durch die Straßenmeisterei schnell und ohne größeren Aufwand zu beheben, so Aden.

"Straßenschäden können bei diesen Temperaturen jederzeit auftreten" (Beatrix Aden, Amtsleiterin des Bau- und Planungsamtes des Kreises Minden-Lübbecke)

„Straßenschäden können bei diesen Temperaturen jederzeit auftreten“ (Beatrix Aden, Amtsleiterin des Bau- und Planungsamtes des Kreises Minden-Lübbecke)

Pegelstände und Wassertemperaturen
Auch die Gewässer sind stark von der Hitzeperiode des Jahres 2018 betroffen. In diesem Zusammenhang gab das Umweltministerium NRW unlängst ein Informationsschreiben heraus, das die dramatischen Zustände darstellt. Darin heißt es: „Die anhaltende Trockenheit und Hitze haben Folgen für Mensch und Umwelt. Mit steigenden Wassertemperaturen werden auch die Fischbestände an den Rand ihrer Belastbarkeit kommen.“ Dabei seien die Niederschläge des vergangenen Winters hilfreich, da diese in den Talsperren gespeichert seien, die wiederum Wasser an vielen Gewässern geben könnten. Erste Gewässer hingegen weisen bereits die kritischen Temperaturen von mehr als 27 Grad Celsius auf. Darunter ein Teich in Bochum, in dem tausende tote Fische trieben. Diese Gefahr sieht Reinhold Arntz, Vorsitzender des Fischereivereins Minden, aktuell noch nicht für die Region. Ein Fischsterben bedingt durch Sauerstoffmangel sei derzeit noch nicht zu erkennen. Grund hierfür seien auch die Motorschiffe auf Mittellandkanal und Weser: „Durch deren Antriebsschrauben und Wellenschlag sowie Strömungen gelangt immer noch genügend Sauerstoff ins Wasser, sodass die Wasserqualität noch relativ gut ist.“ Erst ab 27 Grad Celsius sinke der Sauerstoffgehalt, den Schilfpflanzen gelinge die Selbstreinigung nicht mehr und es könnten sich Blaualgen bilden.

Reinhold Arntz vom Fischereiverein Minden sieht aktuell noch keine Indizien eines Fischsterbens.

Reinhold Arntz vom Fischereiverein Minden sieht aktuell noch keine Indizien eines Fischsterbens.

Laut den Messdaten des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutzes, LANUV, fehlt dazu in der Weser in Porta Westfalica nicht mehr viel. So wurden hier am 31. Juli gegen 20 Uhr kurzzeitig 26,20 Grad Celsius gemessen. Ein Jahr zuvor lag die Temperatur zu ähnlicher Zeit Ende Juli noch bei 19,13 Grad Celsius.

Eine andere Wasserproblematik spiegelt sich auch im Pegelstand wieder. Während am 30. Juli des vergangenen Jahres nachts gegen 01.15 Uhr 362 cm Pegelstand gemessen wurden, lag dieser 2018 zu ähnlicher Zeit bei 196 cm. Auf dem Mittellandkanal werde der Wasserstand immer künstlich stabil gehalten, sagt Birgit Rehsies, Leiterin des Dezernats Wasserwirtschaft der Bezirksregierung Detmold. Aus diesem Grund sei die Schiffbarkeit in nächster Zeit nicht gefährdet, so Rehsies weiter.
Bei den Betreibern der Plattbodenfähre Petra Solara in Windheim zeigt man sich noch optimistisch, dass der Weser-Pegel für den Rest der Saison bis Ende Oktober ausreicht. Dazu sagt Hermann Humcke, Vorsitzender des Betreibervereins: „Dank unseres geringen Kielganges machen wir uns derzeit keine Sorgen und können weiterhin uneingeschränkt fahren.“ Allerdings würden durch die große Wärme weniger Passagiere befördert. „Bei 25 Grad Celsius Lufttemperatur befördern wir rund 50 bis 60 Passagiere täglich, aktuell rund Temperaturen 30 Personen“, sagt er und lacht in Bezug auf die vielen radfahrenden Nutzer der Fähre: „Die Menschen haben derzeit offenbar weniger Lust auf Radtouren – hätte ich aber auch nicht.“

Die Fährleute der Petra Solara Wilfried Gebhardt, Hermann Block und der Vorsitzende des Betreibervereins Hermann Humcke sind optimistisch die Saison gut zu Ende zu bringen (v.l.n.r).

Die Fährleute der Petra Solara Wilfried Gebhardt, Hermann Block und der Vorsitzende des Betreibervereins Hermann Humcke sind optimistisch die Saison gut zu Ende zu bringen (v.l.n.r).

Veränderte Umwelt
Neben den Gefahren für die Gewässer häuft sich zudem möglicherweise eine Wahrnehmung in den letzten Wochen: Es sind viel mehr Wespen und Fliegen unterwegs als sonst. Führt die Hitze wirklich zu einem „Mehrvorkommen“ von Wespen und Fliegen?
„Was die Wespen angeht muss diese Frage klar mit „Ja“ beantwortet werden. Sie mögen es warm und trocken und hatten bereits durch das milde Klima im Frühjahr einen guten Start. Darüber hinaus bestehen für sie auch beste Ernährungsbedingungen durch den diesjährigen Überfluss an Obst“, so Jutta Niemann von der Biologischen Station Minden-Lübbecke. Was die Fliegen anbelangt, haben ihre Maden beste Bedingungen: in feucht-heißen Mülltonnen vermehren sich die Fliegenlarven rasant.Viele der Insektenarten sind wärmeliebend, sie haben im Augenblick klare Vorteile. „Der Vorteil für die Insekten zeigt sich auch an den guten Bruterfolgen bei Schwalben und anderen Vogelarten, die ohne Kälteeinbruch und mit guter Insektenversorgung viele Junge aufziehen konnten. Aber alle positiven Aspekte sollten nicht darüber hinweg täuschen, dass alle diese Arten auch zeitnah wieder Regen benötigen“, sagt Lothar Meckling vom NABU Minden-Lübbecke.

Mühlenkreis-Kliniken warnen vor Anstrengung in der Sonne
Schwülheiße Tage und tropische Nächste sind nicht jedermanns Sache. Die hohen Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit hebeln das menschliche Kühlsystem aus. Die Schweißtropfen verdampfen dann nicht mehr und der eigentliche Kühleffekt bleibt aus.
„Bei hohen Temperaturen kann es gehäuft zu Komplikationen der Kreislaufregulation oder zum Kreislaufkollaps kommen. Patienten mit solchen Beschwerden und Erkrankungen werden aktuell häufiger in der Notaufnahme vorstellig oder durch Notärzte und den Rettungsdienst in Krankenhäuser gebracht. Die Zahl älterer Menschen mit Krankheitserscheinungen durch Flüssigkeitsmangel nimmt zu“, so Christian Busse von den Mühlenkreiskliniken.

Ein paar einfache Tipps können Beschwerden vorbeugen:

– Keinen Sport in der prallen Sonne treiben
– Mit Kopfbedeckungen vor Überhitzung schützen
– Nicht in der Sonne einschlafen
– Regelmäßig und reichlich trinken – die Verluste ersetzen
– Wohnräume nachts lüften und tagsüber beschatten
– Lockere nicht beengende Kleidung tragen, die Schweiß aufnehmen kann

Das kühle Nass
Ein Tag am Badesee. Genau diese Abkühlung suchen viele an diesen heißen Tagen. Doch der Sprung und das Schwimmen im See bergen Gefahren. „Unfallursachen sind in der Reihenfolge fehlendes Schwimmvermögen und Selbstüberschätzung, auch verbunden mit Alkoholkonsum; hier trifft es die älteren Jahrgänge ab 50 besonders“, erklärt Peter Adam vor der DLRG Ortsgruppe Minden e.V. . Freigewässer bergen die größten Gefahren, das ablesbar an den Unfallzahlen der Statistik der DLRG sei. Umsicht und das genaue Abschätzen seiner Fähigkeiten sind elemantar und können Schlimmes verhindern.

Tierbesitzer aufgepasst
Auch die vierbeinigen Freunde des Menschen haben es in diesen heißen Tagen nicht leicht. Bei Hunden ist bei dieser Hitze wichtig zu verstehen, dass die geliebten Haustiere keine Schweißdrüsen besitzen. „Hunde schwitzen nicht, sie sorgen durch das Hecheln mit der Zunge für den Wärmeaustausch und damit für die Abkühlung ihres Körpers“, erklärt Dr. Anja Sommer, die eine Tierarztpraxis in Kutenhausen führt. Hohe Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit haben zur Folge, dass es kein Temperaturgefälle der Außenluft zu der Körpertemperatur des Hundes mehr gibt. „Das Temperaturgefälle muss idealerweise so hoch wie möglich sein. Wenn es draußen schon 35 Grad sind und der Hund eine Körpertemperatur von 38/39 Grad hat, kann man sich leicht vorstellen, dass ein Wärmeaustausch da so gut wie keine Wirkung hat“, sagt Dr. Sommer. Es gilt daher unbedingt, viel Bewegung für das Tier zu vermeiden. Fahrradfahren und Joggen gehen, sollte mit dem Vierbeiner auf kühlere Zeiten verschoben werden. Schatten, klimatisierte Räume und Kühlpads für die Pfoten, an denen sich einige wenige Schweißdrüsen befinden, verschaffen den Hunden ein angenehmeres Umfeld.
Wohnungskatzen haben es derzeit auch schwer. „Besonders leiden natürlich die Katzen, die mit ihren Besitzern in einer Dachgeschosswohnung leben“, so Dr. Sommer. Um den „Stubentigern“ die heiße Zeit etwas angenehmer zu gestalten, müssen sich ihre Besitzer etwas einfallen lassen. „Ventilatoren aufstellen, das Unterfell herauskämmen, oder im Zweifel vielleicht sogar das Fell kürzen, wären da nur einige Vorschläge“, erklärt Dr. Anja Sommer.

Wie man sieht, gibt es viele Probleme, die dieser außergewöhnlich heiße Sommer mit sich bringt. Wetterromantiker mögen sich über die warmen Temperaturen freuen, doch eine beunruhigende Aussage von Elena Manaenkova von der Weltorganisation für Meteorologie, sollte spätestens nach dem Aufkündigen der USA aus dem Pariser Klimaabkommen im vergangen Jahr aufhören lassen: „2018 wird wahrscheinlich eines der heißesten Jahre seit Beginn der Aufzeichnung. Hitzewellen und extreme Hitze gehen mit dem Klimawandel einher. Das ist kein Zukunftsszenario. Es passiert jetzt.“ (nh / ns / jh)