Mordserie erschüttert den Mühlenkreis

Mordserie erschüttert den Mühlenkreis

Polizei findet drei Leichen in Hille

Hätte man einem Ortsunkundigen vor wenigen Wochen den Hiller Ortsteil Neuenbaum beschreiben sollen, so wäre die Umschreibung mit großer Wahrscheinlichkeit mit Formulierungen wie dörflicher Idylle, Natur und Landwirtschaft verbunden gewesen. Das dürfte sich Tage später stark verändert haben. Der Grund hierfür liegt auf der Hand, denn der Mühlenkreis wird von einer unglaublichen und mysteriösen Mordserie erschüttert, auf die auch die Bundespresse unlängst aufmerksam geworden ist.

Spurensuche in einem kleinen Beigebäude auf dem Grundstück von Gerd F.

Spurensuche in einem kleinen Beigebäude auf dem Grundstück von Gerd F.

Der erste Leichenfund
Doch der Reihe nach. Am Anfang stand ein Vermisstenfall. Der 30-jährige Maurer Fadi S. aus Stadthagen machte sich am 4. März 2018 auf zu einem Termin mit dem Hiller Jörg W., zu dem er seit geraumer Zeit nach Aussagen der Polizei in einer geschäftlichen Beziehung stand. Kurze Zeit später meldete die Familie den zweifachen Vater als vermisst. Diese Situation sah ein Mitglied einer Bad Oeynhauser Großfamilie als Chance, die Angehörigen des Stadthägers zu erpressen. Dieses Ereignis stand, so stellte sich heraus, jedoch ohne direkten Zusammenhang zum eigentlichen Verbrechen, denn Fadi S. wurde kurze Zeit später auf einem Nachbarsgrundstück von Jörg W. in einer Scheune, zugleich auch mutmaßlicher Tatort, gefunden – hinterhältig mit einem Hammer erschlagen und versteckt. Später wurde bekannt, dass S. in einer Geschäftsbeziehung zu W. gestanden haben solle. Für den Aufbau eines handwerklichen Betriebes hatte Fadi S. rund 5000 Euro eingebracht, W. habe das Geld aber anderweitig verwendet. Zur Klärung dieser Situation machte sich der Stadthäger am 4.3. auf den Weg nach Jörg W. nach Neuenbaum und kehrte nicht mehr zurück.
Der Besitzer des Gehöfts, der 71-jährige Gerd F., sei zuletzt im Sommer 2017 gesehen worden, so die Anwohner. Jörg W. erklärte das Verschwinden seines Nachbarn mit einem Aufenthalt in einer Alkohol-Entzugsklinik. Ähnliches galt auch für den 65-jährigen Jochen K., der zeitweise unter menschenunwürdigen Verhältnissen in einer Scheune von Jörg W. lebte. Über beide gab Jörg W. bekannt, dass er nicht wisse, wo diese nun lebten. Beide Senioren seien alleinstehend und eine Art Einsiedler gewesen, berichtet Polizeisprecherin Kathryn Landwehrmeyer. Nähere Verwandte habe es nicht gegeben. Gerd oder Gerhard F. hatte nach dem Tod seiner Ehefrau auf dem Gehöft alleine gelebt. Jochen K. arbeitete auf verschiedenen Höfen der Umgebung und sei ein freundlicher und bescheidener Mann gewesen. Lediglich eine Schwester und ein paar Cousins hätte Jochen K. als Angehörige gehabt, ansonsten sei er eher für sich geblieben. Das erkläre auch dem Umstand, dass für beide Verschwundenen keine Vermisstenanzeigen vorgelegen habe. Erst im Laufe der Ermittlungen sei man auf diesen Umstand gestoßen. Zeitweilig hatte Jochen K. auf dem Hof von Gerd F. gelebt, später dann in einem Anbau am Pferdestall auf Jörg W.’s Anwesen. Diesen Anbau hatte W. mit Hilfe von Fadi S. erbaut, heißt es.

Ein Hundeführer mit dem Leichenspürhund Miss Marple auf dem Gehöft von Gerd F.

Ein Hundeführer mit dem Leichenspürhund Miss Marple auf dem Gehöft von Gerd F.

Suche weitet sich aus
Infolgedessen wurde zu Beginn der 11. Kalenderwoche eine 18-köpfige Mordkommission eingerichtet. Im Zuge der Ermittlungsarbeiten fanden sich auf der Suche der beiden Vermissten am 13. und 14. März mehrere Hundertschaften der Polizei mit Leichenspürhunden und Helfern des THW auf den beiden Anwesen ein. Dabei habe man Teiche, Güllegruben und die Kanalisation leergepumpt und mit Hilfe eines Baggers gar Misthaufen umgesetzt. Zunächst erfolglos – doch dann überschlagen sich in den Abendstunden des 14. März die Ereignisse, als die Spürhunde der Mordkommission „Wilhelm“ auf dem Grundstück Tatverdächtigen anschlagen. Zunächst finden die Ermittler in einer Senke an einem am Grundstück befindlichen Waldstück eine Leiche, gut einen Meter tief vergraben. Später am Abend geben die Hunde hinter einer Gartenhütte und einem blauen Holzboot zwischen Bäumen erneut laut. Zwischen blitzenden Fotoapparaten und Leuchtstrahlern des THW findet die Polizei eine weitere Leiche. Im Laufe der Nacht wurden die Untersuchungen beendet und die Ermittler zogen ab. Derzeit werde nach keinen weiteren Leichen mehr gesucht.

Auf dem Grundstück von Jörg W. fand die Polizei zwei weitere Leichen.

Auf dem Grundstück von Jörg W. fand die Polizei zwei weitere Leichen.

Obduktion am Donnerstag
Eine Obduktion am vergangenen Donnerstag habe nun Klarheit in Bezug auf die Identitäten gebracht und die beiden später gefundenen Leichen seien mit hoher Wahrscheinlichkeit Gerd F. und Jochen K., so die Polizei in einer Mitteilung. Beide seien stark verwest, hätten mindestens ein halbes Jahr im Erdreich gelegen und wären durch massive Gewalteinwirkung zu Tode gekommen. Bereits zuvor war man in Ermittlerkreisen vom Schlimmsten ausgegangen. Man ermittele in alle Richtungen und gleiche dabei bei bundesweiten Vermissten- und Mordfällen mögliche Parallelen ab, insbesondere im Umfeld der vorherigen Wohnorte Jörg W.. Dabei werde auch die DNA, des zuvor nicht straffällig in Erscheinung getretenen Mannes, hilfreich sein, über den Bekannte sagen, er habe es in der Vergangenheit nie längere Zeit an seinen Wohnorten ausgehalten. Zuletzt hatte Jörg W. in Duisburg gelebt, 2012 sei er dann mit seiner Familie nach Hille gezogen.

DasGehöft und Wohnhaus von verschwundenen und voraussichtlich ermordeten Gerd F. wurde von der Polizei versiegelt.

Das Gehöft und Wohnhaus von verschwundenen und voraussichtlich ermordeten Gerd F. wurde von der Polizei versiegelt.

Täter gibt ersten Mord zu
Der ehemalige Fremdenlegionär Jörg W. hatte sich nach der Tat ins bayrische Reit im Winkl abgesetzt und war am Sonntag, dem 11. März nach einem Hinweis aus der Bevölkerung, durch ein Spezialeinsatzkommando widerstandslos festgesetzt worden. Zunächst stritt er eine Tatbeteiligung ab, brach dann jedoch am Dienstag sein Schweigen und gestand den Mord am 30-jährigen Stadthäger. Nun werde W. in ein Bielefelder Gefängnis überführt und weitergehend, voraussichtlich am Freitag oder Montag, zu den weiteren Leichenfunden befragt, so die Polizei.

Jörg W. züchtete mit seiner Familie auf seinem Hof in Hille Pferde .

Jörg W. züchtete mit seiner Familie auf seinem Hof in Hille Pferde .

Jörg W. sei ein relativ unscheinbarer Nachbar gewesen, berichtet eine Anwohnerin, die namentlich nicht genannt werden will. Er habe zurückgezogen gelebt und Pferde gezüchtet, sei dabei weder überaus freundlich, noch das Gegenteil gewesen. Ein Mann, mit dem man nicht zwingend etwas zu tun haben wollte, das sei er gewesen. Niemand habe im Nachbarschaftsumfeld gewusst, wie W. seinen Lebensunterhalt verdienen würde. Unter anderem soll die Familie durch Reitunterricht für Kinder und Jugendliche sich etwas dazu verdient haben. Auch soll er gelegentlich über Personalvermittlungen gearbeitet haben. Schon lange habe man sich in Hille-Neuenbaum gefragt, wo die beiden Senioren geblieben seien, sich dabei jedoch nicht in die Angelegenheit anderer einmischen wollen, so die Frau. Vielleicht besser so, angesichts der drei Leichenfunde auf den beiden Grundstücken. Bereits vorm Verschwinden von Gerd F. habe sich W. gegenüber Anwohnern geäußert, dass er Pläne mit dem Hof Gerd F.’s hätte und einiges dort passieren solle, wenn der alte Herr erst weg sei. Andere berichteten über ein unwohles Gefühl im Umgang mit dem Tatverdächtigen. Anwohner aus Neuenbaum sind nach wie vor geschockt über das, was sich in ihrer ländliche Idylle abgespielt hat. Eine Anwohnerin berichtet, dass es viele sehr getroffen habe, was den Männern zugestoßen sei. „Es ist für Hiller Verhältnisse das Schlimmste, was hier je passiert ist“ berichtet eine junge Anwohnerin. Denen, der Jörg W. vor der Entdeckung dieser Taten unbekannt war, war schon beim Betrachten des Fahnungsfotos W.’s klar, dass er kein geborener Hiller sei, „eindeutig ein Zugezogener“, so die Schlußfolgerung bei einigen Bewohnern Neuenbaums.

Obduktions- und DNA-Analyse-Ergebnis liegt vor
Nach Abschluss der Obduktion der beiden Leichen am Donnerstag teilte die Polizei Bielefeld mit, dass es sich bei den beiden voraussichtlich um die vermissten Männer handeln solle. Ob die beiden zum gleichen Zeitpunkt oder unabhängig voneinander umgebracht und vergraben wurde, gab die Polizei aus Ermittlungstaktischen Gründen bisher nicht bekannt. Da beide jedoch mindestens ein halbes Jahr unter der Erde gelegen hatten, müsse eine DNA-Analyse endgültige Sicherheit bezüglich der Identität bringen. Anhand der Körpermerkmale sei aber darauf zu schließen, dass es sich um Gerd F. und Jochen K. handle. Am Montag, dem 19.3., lag dann das DNA-Ergebnis vor und bestätigte die Identität der beiden Männer. Beide seien durch enorme Gewalteinwirkung ums Leben gekommen. Derweil wurde der Tatverdächtige Jörg W. am Freitag, dem 16.3. von Bayern nach Bielefeld überführt. Aufgrund im Vorfeld eingegangener Drohungen gegen W. und dem Gefahrenpotential, welches von ihm ausgehe, wurde er anstatt mit dem Wagen per Helikopter nach Bielefeld gebracht. Schwer bewaffnete Polizisten bewachten den 51-jährigen. Im weiteren Verlauf dieser Woche soll er mit den Leichenfunden konfrontiert und befragt werden. Unter anderem ist unklar, ob nicht noch Dritte an den Taten beteiligt gewesen waren, ob von Seiten seiner Familie Mittäterschaft oder zumindest Mitwisserschaft bestanden habe und aus welchem Motiv Jörg W. gehandelt habe. Gerüchte machen die Runde, W. könne sich an den Renten der beiden Männer bereichert haben. Dies würde auch zu Berichten aus der Bevölkerung passen, wonach sich W. und seine Frau öfter über Geldangelegenheiten und die Finanzierung des Hofes samt der Pferde gestritten haben sollen. (Text: ns/nh, Fotos:nh)

An einem auf dem Grundstück von Jörg W. befindlichen Waldstück wurden zwei weitere, vergrabene Leichen gefunden.

An einem auf dem Grundstück von Jörg W. befindlichen Waldstück wurden zwei weitere, vergrabene Leichen gefunden.

Die Ermittler liesen unter anderem mit Hilfe des THWs das Gelände umgraben.

Die Ermittler liesen unter anderem mit Hilfe des THWs das Gelände umgraben.

Sowohl Jörg W. als auch seine vermissten Bekannten sollen ein Einsiedler-Dasein gelebt haben und nicht viel Kontakt nach außen gehabt haben.

Sowohl Jörg W. als auch seine vermissten Bekannten sollen ein Einsiedler-Dasein gelebt haben und nicht viel Kontakt nach außen gehabt haben.