Minden macht das Rotlicht aus

Minden macht das Rotlicht aus

Areal ums Rampenloch soll „urbanes Wohnquartier“ werden

Die Stadt Minden möchte die Obere Altstadt weiter entwickeln und aufwerten. Hierzu soll ein Rahmenplan erstellt werden, der neue Perspektiven für das Quartier aufzeigt. Im Februar wurden in einem Bürgerworkshop gemeinsam mit den Stadtplanern von Wolters Partner Ideen gesammelt und zusammengefasst. Anfang März beschloss der Haupt- und Finanzausschuss, Grundstücke in der Oberen Altstadt zu erwerben, so auch das Rampenloch. Dies soll eine „Schlüsselstellung“ in der Entwicklung des Quartiers einnehmen – der Bordellbetrieb würde dann wegfallen.

Die kleine Gasse Rampenloch blickt auf eine bewegte Geschichte zurück.

Die kleine Gasse Rampenloch blickt auf eine bewegte Geschichte zurück.

Altstadtquartier der Vielfalt
„Wir wollen ein Quartier der Vielfalt entstehen lassen“, erklären Markus Lampe und Andrea Heimann von Wolters Partner im Bauausschuss vergangenen Mittwoch. Man habe sich mit der Vor-Ort-Situation beschäftigt und unter Bürgerbeteiligung Anregungen gesammelt. Primär gehe es um den Bereich zwischen Königswall, Kampstraße und Pöttcherstraße. Inmitten liegt die Straße Rampenloch, die wohl älteste Bordellstraße Nordrhein-Westfalens. Dieser Ort blickt auf eine lange und bewegte Geschichte zurück, die bis ins Mittelalter reicht. Im Jahre 2008 feierte das Etablissement „Rampenloch“ sein hundertjähriges Bestehen, die Kurt-Tucholsky-Bühne widmete diesem Ort sogar ein Theaterstück. Tagsüber recht unscheinbar, lässt sich erst abends an den roten Lämpchen erahnen, was wirklich in der kleinen Gasse vor sich geht. „Im gesamten Quartier gibt es Handlungsbedarf“, ist das Ergebnis der Stadtplaner-Analyse. In vielen Brachflächen schlummere Potenzial, man könnte bezahlbaren Wohnraum schaffen und Kultur- und Gastronomieangebote realisieren. Als Bindeglied zwischen Glacis und Innenstadt fungiere die Obere Altstadt, die sich mit der Umgestaltung in ein „urbanes Wohnquartier neue Qualität“ verwandeln könnte. Zur Realisierung wird die Stadt Minden dort Grundstücke erwerben, wurde Anfang März im Hauptausschuss entschieden. „Der Grundstückskauf ist ein entscheidender Baustein zur Verwirklichung des Rahmenplanes und eine Chance, das Quartier weiter nach vorne zu bringen“, erklärt der Beigeordnete Lars Bursian. Außerdem solle der Nutzerkonflikt zwischen Wohnen und Bordellbetrieb damit aufgelöst werden.

"Wir sind uns der kulturellen Verhaftung in den Köpfen der Bevölkerung bewusst." (Lars Bursian, Beigeordneter Stadt Minden)

„Wir sind uns der kulturellen Verhaftung in den Köpfen der Bevölkerung bewusst.“ (Lars Bursian, Beigeordneter Stadt Minden)

Zweifel in der Bevölkerung
Dieser „Nutzerkonflikt“ scheint aber nicht von allen so empfunden zu werden. Viele taten in den sozialen Medien ihren Unmut über einen drohenden Abriss des Gebietes kund. Doch eine bunt gemischte Truppe aus der Oberen Altstadt, ein Ideenpool hauptsächlich aus Bewohnern und Gewerbetreibenden des Schnurrviertels und drum herum, brachten eine Unterschriftenaktion an den Start, um den Wunsch am Erhalt des Rampenlochs zu demonstrieren. Phillip Hausdörffer berichtet, dass viele Menschen dort besorgt über einen drohenden Abriss gewesen seien und den kulturellen Wert dieses Ortes unbedingt erhalten wollen. Nebenbei sammle die Gruppe Vorschläge aus der Bevölkerung für dieses Gebiet, Hausdörffer könnte sich unter anderem eine Art „Kunst und Kultur-Insel“ dort vorstellen. Das Rampenloch könne ebenso wie das Gefängnis erhalten werden, der Gefängnishof als Veranstaltungsort aufgewertet werden. „Man könnte die Besonderheit herausstellen und dieses wunderschöne, alte Zentrum bewahren“, so Hausdörffer. Wichtig sei, offen miteinander zu sprechen und „Kante zu zeigen“. Unter anderem lägen die Unterschriftenlisten im Englischen Laden am Friedensplatz und in der Wohnblume in der Brüderstraße aus. Auch Andrea Linnebröker vom Englischen Laden erklärte, dass viele im Viertel es schade finden würden, wenn diese historische Straße einfach wegfallen würde. Die alten Häuser und die Straße sollten bewahrt werden, auch wenn einige der Häuser arg in Mitleidenschaft gezogen wären. „Auch die dort arbeitenden Frauen würden gerne noch bleiben. Ich habe selber mit ihnen gesprochen, das sind ganz nette, charmante Frauen, die ihrer Arbeit dezent nachgehen“, erklärt Linnebröker. Mit einem Abriss dieser Straße würde unwiederbringlich etwas zerstört werden, und dies sei schon viel zu oft passiert.

Ab Mitte des Jahres wird die Stadt die Gebäude im freien Zustand übernehmen.

Ab Mitte des Jahres wird die Stadt die Gebäude im freien Zustand übernehmen.

„Den Geist der Straße erhalten“
„Der historische Wert findet bei der Rahmenplanung Berücksichtigung. Denkmalgeschützte Bereiche wie die eigentliche Straße und das denkmalgeschützte Haus sollen erhalten werden“, erklärt Leonie Bartsch von der Stadt Minden. Eigentümer und Vermieter hätten schon länger das Rampenloch zum Kauf angeboten. Bei Besichtigungen wären den verbleibenden zwei Mieterinnen die Verkaufsabsicht bekannt gewesen. Ab Mitte des Jahres werde die Stadt die Grundstücke übernehmen, bis dahin soll der bisherige Eigentümer die Mietverhältnisse aufgelöst haben. Nach Vollendung des Rahmenplans, voraussichtlich diesen Mai, werde die Stadt einen Preis festsetzen und das Grundstück für den Wettbewerb freigeben. Interessenten könnten sich dann mit einem Konzept, sowohl architektonisch als auch inhaltlich, bewerben, jeder sei hierzu aufgerufen. „Wir sind offen für alle Vorschläge“ bestätigt Bursian. Im Anschluss würden die Vorschläge an die Politik weitergegeben und in einem Bürgerforum der Öffentlichkeit nahegebracht. Auch Bursian erklärt, dass „der Geist dieses traditionsreichen Ortes eingefangen werden solle. Wir wollen aber keine Käseglocke drüber stülpen“. Viele der Gebäude dort hätten eine vernachlässigte Bausubstanz, hier könne man beispielsweise kleinteilig bauen, um Wohnraum und etwas Neues für die Zukunft zu schaffen und gleichzeitig den Charakter des geschichtsträchtigen Areals zu erhalten. Das Ergebnis solle sich ins Bild der Oberen Altstadt einfügen und an die Vergangenheit erinnern, versichert der Beigeordnete. Dies würde sicherlich auch die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöhen, denn „wir sind uns der Geschichte und der kulturellen Verhaftung in den Köpfen der Bevölkerung bewusst“.