Mindens verschlafene Schlagde

Mindens verschlafene Schlagde

Neues Leben für alten Hafen? – Bremen macht´s vor!

Es war einmal…?
Mindens Schlagde war einst ein bedeutender Anlegeplatz für die Weserschifffahrt. Sie war eng verbunden mit der Fischerstadt und dem Wesertor und wurde bis 1910 als einziger Umschlaghafen Mindens genutzt. 105 Jahre ist es also nun her, als sich auf dem jetzigen Parkplatz die Händler tummelten und ihre Waren türmten. Ähnlich verlief es an Bremens Schlachte, wo heute aber anstatt gähnender Leere und Autos jährlich zwei Millionen Gäste den historischen Ort passieren.

Mindens Schagde - seit Jahrzehnten ein menschenleerer Parkplatz

Mindens Schagde – seit Jahrzehnten ein menschenleerer Parkplatz


Nichts erinnert mehr an die besondere Geschichte der Schlagde, wenn Besucher der Stadt Minden am verkaufsoffenen Sonntag ihr Auto auf dem großen und unter der Woche doch recht leeren Parkplatz abstellen. Dabei war sie einst ein bedeutender Ort der Stadt Minden, vor allem als ihr im Januar 1552 das Stapelrecht von Kaiser Karl V. verliehen wurde. Damit waren alle Weserschiffer verpflichtet ihre Waren in der damaligen Hansestadt auszuladen und für eine bestimmte Zeit zum Kauf anzubieten. Gab es zuvor immer wieder Zwistigkeiten zwischen Bremen und Minden über die Vorherrschaft auf der Weser, konnte sich Bremen diesem Befehl nun nicht mehr widersetzen. Minden gedieh unter dem neuen Handelsrecht und baute den Hafen an der Schlagde 1763 weiter aus. Erst mit dem Bau weiterer Häfen im Rahmen des Baus des Mittellandkanals, hatte der alte Umschlaghafen 1910 ausgedient und geriet in Vergessenheit. In den letzten Jahrzehnten wurde der historische Ort lediglich als Parkplatz genutzt und eher stiefmütterlich behandelt.

Bremens Schlachte - ein bunter, quirliger Treffpunkt und Mittelpunkt der Stadt.

Bremens Schlachte – ein bunter, quirliger Treffpunkt und Mittelpunkt der Stadt.


Doch dass es auch anders geht, zeigt die damalige Konkurrenzstadt Bremen mit einer ähnlichen Vergangenheit. Auch in Bremen war die Schlachte vom 13. Jahrhundert bis 1618 der einzige Uferhafen, bis seine Tage 1888 mit dem Bau eines Freihafens gezählt waren. Die Schlachte verödete und diente, wie auch in Minden, als Parkplatz. Hat man die Schlachte in Bremen in den letzten Jahren einmal besucht, ist dies kaum noch vorstellbar. Restaurants und Kneipen reihen sich aneinander, im Sommer sind alle 2000 Sitzplätze belegt – das blühende Leben, ein Ort gesellschaftlichen Zusammenkommens. Die untere Schlachte lädt als Uferpromenade mit Bäumen und Sitzstufen zum Spazieren und Verweilen ein. Und mehrmals im Jahr locken Veranstaltungen wie der winterliche „Schlachte Zauber“, der wöchentliche Kajenmarkt, die maritime Woche oder das Familienfest unzählige Besucher an die Weser. „Die Umgestaltung unserer Schlachte hat sich voll und ganz ausgezahlt. Sie ist heute ein bunter, quirliger und sehr beliebter Treff an der Weser und ein Mittelpunkt der Stadt“, berichtet Henrike Neuenfeldt, Projektleiterin vom Bremer Schlachte Marketing und Service Verband. Und auch auf der Weser herrsche reger Schiffsverkehr auf verschiedenen Routen. In den Jahren von 1996 bis 2000 nahm sich die Stadt Bremen im Zuge der Expo 2000 ihrer vergessenen Schlachte an und gab dem historischen Ort wieder die gebührende Aufmerksamkeit. Und die hat gefruchtet. „Die Umgestaltung der Schlachte hat sich auf jeden Fall gelohnt“, bestätigt auch Jörg Klose vom Wirtshaus Paulaner´s, welches seit der Umgestaltung an der Schlachte ansässig ist. „Die Meile lockt viele Touristen an die Weser. Aber auch Bremer nutzen die Gastronomien, um zum Beispiel mittags Essen zu gehen, den Alltag kurz hinter sich zu lassen und Luft zu schnappen“, beschreibt er seine Gäste.

Warum also siecht Mindens Schlagde dann immer noch vor sich hin, wo sich doch am Beispiel Bremen erahnen lässt, was möglich wäre? Bäckerstrasse, Scharn und bald auch der Markt wurden bereits erneuert.Warum wurde noch kein Planungsbüro mit konkreten Entwürfen für die Schlagde beauftragt? Im Masterplan zur Innenstadtgestaltung war auch die Schlagde gelistet, allerdings vorerst nur mit groben Ideen. Demnach soll die Promenade mit einem urbanen Charakter ausgebaut werden. Anlegeplätze sollen mit Aufenthaltsbereichen kombiniert werden, Kinder einen Platz zum Spielen erhalten und der Rad- und Fußweg in zwei Bereiche unterteilt werden.

Michael Buhre, Bürgermeister

Michael Buhre, Bürgermeister


„Ein Planungsbüro zu beauftragen und einen Entwurf erstellen zu lassen, kostet Geld“, stellt sich Bürgermeister Michael Buhre den Herausforderungen, „der Masterplan sieht vor, die Entwicklung der Schlagde und der Weserpromenade ab 2017 in die Städtebauförderung mit einfließen zu lassen.“ Dann stände das Thema im Fokus. Anfragen von Gastronomen zur Ansiedlung an die Schlagde habe es bisher noch nicht gegeben.

Patrick Zander

Patrick Zander


Patrick Zander, Veranstalter des Hafenfestes und des „Holy Farbfiebers“, sieht die Schlagde als geeigneten Veranstaltungsort. „Die Lokalität ist zwar wegen diverser Bauten etwas schwierig, aber warum könnte man nicht zum Beispiel mal das Stadtfest oder ein anderes Innenstadtfest an die Weser verlegen?“, schlägt der ambitionierte Veranstalter vor. „Die Schlagde mit der angrenzenden Fischerstadt hat auf jeden Fall Potenzial. Probleme könnte es – in Bezug auf Gastronomie – allerdings wegen des Hochwasserschutzes geben. Auf der unteren Ebene, auf Parkplatzhöhe, wäre dies wahrscheinlich zu kostenintensiv.“ Auch Michael Buhre bestätigt ein gastronomisches Problem aufgrund von Hochwassergefahr.

Biergarten Schiffmühle

Biergarten Schiffmühle


Die Verein Schiffmühle e.V. scheint diesem Trend allerdings entgegenzutreten. Seit 2002 betreibt er einen Biergarten nahe der Schiffsmühle, der in den Sommermonaten viele Gäste anlockt und dieses Jahr erstmalig auch über die Wintermonate betrieben wird. „Wir haben eine hochwasserrechtliche Genehmigung unter der Bedingung erhalten, die Bodenplatte auf Höhe HW 100 (Jahrhundert-Hochwasser) zu bringen“, beschreibt Horst Grüner, Vorsitzender des Vereins, das Bauprinzip der Gastronomie und sieht die Lokalität als wichtige Bereicherung der Stadt Minden. Auch er kann sich weitere Gastronomien an der Weser und Schlachte vorstellen. „Konkurrenz belebt das Geschäft“, erklärt er. Am Beispiel Bremen zeigt sich, dass die Schlagde ein großes Potenzial birgt und dringend etwas geändert werden sollte. Was sich 2017 tatsächlich an dem historisch bedeutendem Ort tun wird, bleibt abzuwarten.